Montag, 18. September 2017

Schneiderbüste selber machen: erster Versuch

Schneiderbüste nach Maß

Früher oder später kommt man als Hobbyschneider am Thema Schneiderpuppe nicht vorbei. Auf dem Markt gibt es eine ganze Palette Puppen in allen möglichen Größen und Qualitäten. Es gibt sogar etwas teurere verstellbare Varianten und die, die man in Hosen kleiden kann.

Motivation


Seit ein Paar Jahren bin ich eine stolze Besitzerin einer verstellbaren Schneiderpuppe vom Prym mit Hosenfunktion (Prymadonna Multi). Doch benutzt habe ich sie kaum und seit meinem Umzug vor einem Jahr steht sie bei mir im Keller. Warum es so ist, erkläre ich gleich.

Wofür kann eine Schneiderpuppe gut sein?
  • um die genähten Kleider zu zeigen, z.B. auf dem Blog
  • um Schnittanpassungen zu machen
  • um Schnitte zu konstruieren, z.B. durch Draping
Meine gekaufte verstellbare Puppe hat von diesen drei Funktionen nur die erste erfüllt, und auch diese nur zu einem bestimmten Grad.

Seitdem ich mich mit Schnittmusterkonstruktion beschäftige, verstehe ich besser, dass wir alle sehr verschieden gebaut sind. Die Unterschiede liegen nicht nur in Konfektionsgröße und Umfängen, sondern in allen möglichen so genannten 3D-Maßen, wie z.B. Schulterneigung, Brusthöhe, Rückenlänge, Rückenbreite usw. Im Post über mein selbst konstruiertes Etuikleid habe ich die Geschichte des Entstehens eines körperengen Schnittes erzählt. Ich habe auch erwähnt, dass ich dafür 30 Maße nehmen lassen musste und 3 Probekleider konstruierte.

Die gekauften Puppen, auch wenn sie verstellbar sind, können einfach nicht die dreidimensionale Form jedes Körpers nachbilden. So war es mit meiner Puppe auch. Die Schnitte aus nichtdehnbaren Materialien haben der Puppe immer besser als mir gepasst, obwohl ich sie auf meine Oberkörperlänge und Umfänge konfiguriert habe. Die Schultern waren oft das Problem, aber auch viele andere Merkmale wie z.B. mein Hohlkreuz. So habe ich die Puppe eine Weile dafür verwendet, meine Kleider aus Jersey auf Facebook zu zeigen, bis sie im Keller landete und seitdem vermisse ich sie nicht.

Methoden


Schon seit ein paar Jahren sehe ich überall im Internet Anleitungen zum Selbermachen einer Schneiderpuppe, die der eigenen Figur zu 100% entspricht. Natürlich ist die Idee, einen Zwilling von sich zu haben, sehr interessant. Allein aus dem Grund, dass die Schnittanpassungen, insbesondere im Rückenbereich, deutlich einfacher werden.

Nach meiner Beobachtung der Szene der selbstgemachten Schneiderpuppen kann ich sie in folgende zwei Gruppen Unterteilen:
  • Körperabformung mit Gips und danach Ausgießen mit einer Gussmasse
  • Körperabformung mit Gewebeband und Ausstopfen mittels Füllmaterial, z.B. Füllwatte
Neulich habe ich mir einen Videokurs auf Russisch gekauft. Ich muss erwähnen, dass ich das meiste meiner Nähkenntnisse über solche Videokurse bezogen habe. Ich wollte etwas Neues lernen und so bin ich über einen Moulage-Kurs eines russischen Schneiders im Internet gestolpert. Moulage, oder auch Draping oder Modellieren genannt, ist eine Technik zur Entwicklung von Kleidungsmodellen. Der Schnitt wird nicht durch Maßnehmen und Konstruieren auf dem Rechner/Papier entwickelt, sondern der Stoff wird direkt an dem Modell (Schneiderbüste) gesteckt. Immer wieder sieht man diese Technik in den Videos bekannter Modehäuser. Die Methode ist auch schon ein paar Jahrhunderte alt :).

Die Schwierigkeit von so einer Methode ist natürlich das Mannequin. Irgendwo muss man ja stecken und an sich selbst geht das ziemlich schwer. Man kann an einer gekauften Puppe stecken, die Schnitte werden aber nicht genau und in meinem Fall z.B. an den Stellen um die Schultern nicht passen. So wird im Kurs empfohlen eine eigene Schneiderbüste zu bauen, basierend auf der Gipsmethode.

Nachdem ich das Video zur Gipsmethode anschaute, habe ich verstanden, dass sie sehr zeitaufwändig und auch teuer (Gießmaterial) ist. Ich habe noch nie sowas gemacht. Deswegen habe ich mich für die leichtere Methode mit Gewebeband entschieden. Mal für den Anfang. Außerdem gibt es im Internet viele Anleitungen dafür.

Mein Versuch


Eine der Anleitungen findet man hier, deswegen erspare ich mir hier die Beschreibung des Entstehungsprozesses. Ich habe 2 Rollen à 50 Meter Gewebeband fast komplett aufgebraucht. Das Wickeln und Kleben hat ca. 1 Stunde gedauert. Wir haben 2 Schichten gemacht. Hier sind die Bilder von der 1. und 2. Schicht. Ich fand die weiße Farbe schöner, deswegen wollte ich sie oben haben.
Schneiderbüste nach Maß

Nach dem Kleben wurde die Hülle am Rücken geschnitten, ausgezogen und dann wieder zusammengeklebt. Die Arm- und Halslöcher haben wir vor dem Ausstopfen zugeklebt. Als Füllung habe ich Kissenfüllung von 2 großen (50cm x 50cm) und 4 kleinen (35cm x 35cm) Kissen vom Möbeldiskounter genommen. Nachdem die Puppe schon in Form gebracht wurde, ist meinem lieben Helfer aufgefallen, dass die Puppe im Bauch etwas dicker als ich ist. Das Messen des Taillenumfangs hat das bestätigt: 4 cm Unterschied. Aus Angst, mir die Luft “zuzudrehen” wurden die Bänder im Brust/Bauchbereich nicht so straff geklebt. Wie mir gesagt wurde, war die Puppe eine leicht schwangere Version von mir.

Zum Glück lässt sich so eine Klebebandschicht leicht korrigieren. Die Puppe muss einfach am Bauch operiert werden. Man kann zum Beispiel 4 senkrechte Einschnitte im Bauchbereich machen und die Teile im Taillenbereich jeweils 1 cm übereinander legen. So wird die Taille dünner. Diese Anpassungen habe ich allerdings nicht gemacht. Eines Tages ist meine Schneiderpuppe explodiert. Um die Fältchen rauszubekommen, habe ich sie anscheinend zu fest befüllt. Das macht eigentlich nicht viel Arbeit und ich könnte sie einfach wieder zusammenkleben. Ich entschied aber, keine weitere Zeit in sie zu investieren und sie nicht mehr zu verwenden, weil sie meine Erwartungen sowieso nicht ganz erfüllt hat.
Schneiderbüste nach Maß

Fazit


Meine selbsterstellte Puppe hat schon einen Riesenvorteil gegenüber der gekauften: ich kann sie für Schnittanproben und Anpassungen verwenden. Sie entspricht der Form meines Körpers und auch grob den Maßen. Ich bezweifle aber, dass ich die Puppe für Moulage (Draping) verwenden kann. Im Brustbereich ist sie doch eine viel zu grobe Approximation von mir, was präzises Modellieren wahrscheinlich nicht zulässt. Deswegen steht im Titel dieses Posts "Erster Versuch". Wenn ich wirklich einen Zwillingkörper von meinem haben will, komme ich an der Bildhauerei mit Gips nicht vorbei. Um ehrlich zu sein, haben wir damit schon angefangen. Mein treuer Helfer, der auch mein Maßnehmer, Abstecker, Bandkleber und Fotograf ist, hilft mir diesmal auch. Alleine ist so etwas einfach nicht machbar. 

Das Erlernen der Moulage wird aber kein schneller Prozess und momentan kann ich gar nicht sagen, ob es meins ist :) Die Schneiderpuppe, wenn sie uns gut gelingt, wird aber für viele andere Zwecke einsetzbar sein. Ich bin schon sehr gespannt und freue mich enorm auf das Ergebnis. Also, die Fortsetzung folgt...

Habt ihr Erfahrung oder nützliche Links zum Thema selbstgemachte Schneiderpuppe oder Moulage? Ich freue mich über eure Gedanken in den Kommentaren.

Donnerstag, 31. August 2017

Ein Retrokleid mit Schleife


Als ich die Augustburda bekam, habe ich mich in den Coverschnitt sofort verliebt. Das herbstliche Flavour von der gesamten Kollektion und dieses Kleides hat mich begeistert und deshalb, wie so oft, wollte ich dieses Modell dann auch so schnell wie möglich haben.

Den passenden Stoff für so ein Kleid zu finden ist nicht einfach. Da ich kein Polyester wollte, blieb mir nicht viel Auswahl: ein Viskosekrepp sollte es sein. In den Geschäften, in denen die Stoffinhalte nicht auf die Stoffrollen geschrieben sind, hatte ich keine Chance. Wie unterscheidet man zwischen Polyester- und Viskosekrepp, ohne einer Brennprobe? Bei einem Baumwollstoff kann ich das noch relativ gut nach Gefühl abschätzen, aber bei Viskosekrepp…

Zu meinem Glück hat Alfatex immer einen kleinen Vorrat an “Designerstoffen aus der Konfektion”. Und mein Glück, dass ich ein Alfatex in der Nähe habe. Dazu gab es noch eine Rabattaktion, so dass ich mir ein paar Viskosekreppstücke zu einem ziemlich niedrigen Preis sichern konnte. Ich bin kein Mensch für eine Schnäppchenjagd, dieses Mal hat es sich aber so ergeben.

Der angegebene Stoffverbrauch ist 2,5 Meter, ziemlich viel für ein Kleid. Der Verbrauch ist durch die relativ große Länge der Schleifen, die im schrägen Fadenlauf zugeschnitten werden, bedingt. Dazu kommen die ganzen Kräuselungen, lange Ärmel, Manschetten usw. Ich habe insgesamt ca. 2,3 Meter Stoff gebraucht.

Im Zuschnitt ist so ein Viskosekreppstoff sehr schwierig. Der Print ist streifenartig. Als ich den Stoff auf dem Tisch liegen hatte, haben die Musterstreifen Wellen gebildet. Es hat sehr viel Mühe bereitet, sie zueinander parallel zu kriegen. Und auch die doppelte Stofflage hat sich als nicht empfehlenswert herausgestellt. Die untere Lage hat sich unerwünscht verhalten, so dass man dann das zugeschnittene Teil nicht mehr verwenden konnte. Zum Glück ist es mir an einem kleinen Teil, der Blende, passiert, und der Stoff hat für einen neuen Versuch gereicht. Wie ihr vielleicht sehen könnt, habe ich das Muster mal wieder nicht angepasst. Ich war mit den Wellen so beschäftigt, dass ich ganz vergaß, die “Streifen” vorne und hinten aneinander anzupassen. Das fällt aber meiner Meinung nach nur auf den zweiten Blick auf :) Irgendwann werde ich schon aus meinen Fehlern gelernt haben und achte dann intuitiv aufs Muster.

Nachdem alles zugeschnitten wurde, ging das Nähen ziemlich leicht. Der Schnitt ist locker, weswegen ich ihn gar nicht angepasst habe. Ich habe auch diesmal aufs Futter verzichtet, damit ich die Leichtigkeit, die so ein Schnitt hat, nicht wegnehme. Stattdessen trage ich ein leichtes Unterkleid und es scheint nichts durch. Ich habe mir auch ein kleines Stück Seide gesichert, um ein richtig edles Unterteil für solche Kleider zu nähen. Seide fühlt sich am Körper besonders gut an.

Der Schnitt ist nicht sehr gewöhnlich, die Kräuselärmel mit Manschetten und Knöpfen verarbeite ich nicht jeden Tag. Was ich aber an dem Schnitt interessant finde, ist die Reißverschlusslösung. Der Reißverschluss ist seitlich eingearbeitet und geht nicht bis nach oben zur Achsel sondern endet an der Taille. Die obere seitliche Naht ist aber nicht zu, denn sonst könnte man das Kleid gar nicht anziehen, sondern hat einen Verschluss mit drei eingenähten Druckknöpfen. Nach der kurzen Überlegung habe ich verstanden, dass der Reißverschluss, der bis nach oben gehen würde, die seitliche Naht an so einem feinen Stoff versteift. Deswegen hat das Kleid oben einen Druckknopfverschluss, den ich auch besonders retro finde :)

Die Meinungen zu diesem Kleid gehen in meiner Bekanntschaft auseinander. Manche finden es toll, andere “altbacken”. Auch ich bin mir nicht ganz sicher, was ich von diesem Kleid halten soll. Beim Tragen fühlt es sich sehr leicht und angenehm an. Der Stoff knittert sehr, was von Viskose zu erwarten ist, doch durch das Muster wird das kaschiert. Ich finde die Schleife und die Raffungen sehr feminin und fühle mich schon ein bisschen in die Vergangenheit zurückgeworfen. Ich glaube, dass ich das Kleid im frühen Herbst noch öfter tragen werde. Vielleicht wird es sich gut mit meinem geplanten und noch nicht genähten Trenchcoat kombinieren lassen.

 Stoff: Viskosekrepp vom Alfatex Weiterstadt
Schnitt: Modell 115A aus Burda Style 08/2017, hier als Downloadschnitt
Fotos: meine

Es wird mich freuen, wenn ihr mir eure Meinungen zu diesem Schnitt und meiner Interpretation schreibt. Seit kurzem habe ich auch eine Facebook- und Instagrampräsenz. Die Links findet ihr auf der rechten Sidebar.

Heute ist Donnerstag und ich bin bei RUMS zum ersten Mal dabei :)

Montag, 21. August 2017

Mein Outfit für eine festliche Angelegenheit


Schon vor einigen Monaten wurden wir zu einer Hochzeit eingeladen, und nicht nur zu irgendeiner, sondern einer aus dem engen Familienkreis. Dass ich mein Gastkleid selber machen werde, war von Anfang an klar. Die Gelegenheit, etwas schick aussehendes zu nähen, konnte ich mir nicht entgehen lassen. Allein die Auswahl des Modells hat viel Freude bereitet. In Betracht kamen Kleiderschnitte, die ich immer wieder bei Burda bewunderte, doch als “nicht alltagstauglich” aus meiner TODO-Liste ausgeschlossen habe.

Das Modell 122 aus Burda Style 4/2016 fiel mir sofort auf, nachdem ich das Heft aus meinem Briefkasten zog und kurz durchblätterte. Diese Ausgabe finde ich besonders gelungen, mein Jumpsuit in dunkelrot stammt auch daraus. Und auch hier habe ich das Modell in der Farbe schön gefunden, die auch im Heft präsentiert ist. Ein kühler puderrosa Farbton kombiniert sich wunderbar mit weichen Drapierungen am Kleid und verleiht dem eleganten Kleid eine gewisse Leichtigkeit. Ich habe sogar den Stoff sofort gekauft. Nur musste der Stoff ein Jahr lang warten, weil ich keine Gelegenheit sah, so ein Kleid anzuziehen.

Der Oberstoff ist eine Art Krepp, vermutlich Polyester. Als Futter habe ich mich für einen farblich passenden Satin mit Seidentouch künstlichen Ursprungs entschieden. Pure Chemie, für mich ganz untypisch, aber in diesem Fall war sie notwendig, weil ich mich damals noch nicht an Seide rantraute.

Das Kleid ist wirklich nicht schwer zu nähen. Der Stoff verzeiht sehr viel, ist leicht elastisch und fällt schön, so dass kleine Passformungenauigkeiten gar nicht auffallen. Trotzdem habe ich am Anfang die übliche Schnittanpassung gemacht. Nachdem ich mir überall im Internet Kleider anschaute, die nach diesem Schnittmuster genäht wurden, habe ich entschieden, dass der Halsausschnitt - meine übliche Gefahrenstelle - wahrscheinlich angepasst werden muss. So habe ich beim Ausschneiden des Futters die Nahtzugaben im Bereich des Ausschnitts etwas größer gelassen. Ich habe das Futter geheftet und nötige Anpassungen gemacht, die ich danach auf den Schnitt des Oberkleides übertragen habe. Das restliche Zusammennähen ging einfach. Mittlerweile habe ich genug Erfahrung mit ärmellosen gefütterten Kleidern, bei denen das Versäubern der Hals- und Armausschnitte wahrscheinlich das Schwierigste ist. Der Knoten hat sich gut nach der Anleitung nähen lassen.

Die letzten zwei Jahre war es im August unerträglich heiß. Die Stoffe, die ich verwendet habe, waren synthetisch, deswegen habe ich mir Sorgen gemacht, dass ich bei der Sommerhitze in diesem Kleid wie in einer Plastiktüte schwitzen werde. Das Wetter wechselte aber kurz vor dem Hochzeitstermin von heiß auf kühl. Ich brauchte dringend etwas zum Drüberziehen. In meinem Schrank fand ich mehrere Jacken, doch waren sie alle entweder farblich oder vom Stil her nicht so passend. So ist die Entscheidung gefallen, ein paar Tage vor dem Termin ein einfaches Bolerojäckchen dazu zu machen. Ich habe mich für das Modell #6645 aus der Burda Style Frühjahr/Sommer Kollektion 2016 entschieden.
Der Oberstoff meines Kleides war im Geschäft, in dem ich ihn ursprünglich gekauft habe, noch vorhanden. Mein Glück, dass solche Abendkleidstoffe nicht so schnell ausverkauft werden. Das Futter habe ich nach dem Durchsuchen des Lagers zusammen mit der Verkäuferin leider nicht mehr gefunden. So bin ich auf meine erste Erfahrung mit Seide gekommen: der Seidensatin, der im Stofflager in mehreren Farben für 18 Euro pro Meter vorhanden war, hat als Futter für mein Jäckchen am Besten gepasst. Ich habe 90 cm davon genommen, es hat locker gereicht.

Wenn ich den Bolero komplett aus dem Oberstoff des Kleides gemacht hätte, hätte ich wahrscheinlich wie eine rosafarbene Wolke ausgesehen. Der Stoff ist so matt, dass er ohne Drapierungen oder Verzierungen sehr langweilig aussieht. So bin ich auf die Idee gekommen, ihn mit einer farblich passenden Spitze zu schmücken. Die Spitze habe ich mit dem Oberstoff wie eine Stofflage verarbeitet.

Für die Schnittanpassung der Jacke hat die Zeit nicht mehr gereicht und ich habe sie auf einen Schuss fast ohne Anprobe genäht. Gepasst hat sie sehr gut, wobei ich sagen muss, dass man bei so einem Modell nicht viel verkehrt machen kann. Das Seidenfutter zu nähen war ein bisschen knifflig, aber nach der Kurzausbildung im Internet war ich theoretisch bestens vorbereitet. Die Seide fühlt sich sehr angenehm an. Ich glaube, dass dieses Jäckchen nicht das letzte Kleidungsstück gewesen sein wird, dass ich mit Seide gefüttert habe. Mal schauen, wie die Jacke das Waschen in der Maschine übersteht.

Auf den letzten Drücker habe ich mir noch eine passende Clutch nach der Anleitung von Pattydoo genäht. Das schien mir einfacher als nach einer passenden Farbe zu suchen und extra eine zu kaufen. Obwohl so eine Clutch nicht schwer zu nähen ist, habe ich in der Eile viele kleine Fehler gemacht, so dass die Tasche wirklich selbstgenäht aussieht. Trotzdem habe ich dafür viele Komplimente erhalten und zum Glück wollte keiner die Tasche aus der Nähe sehen. Vom Stoff her ist das keine große Investition gewesen. Deswegen werde ich nicht traurig sein, falls diese Tasche so ein Einwegartikel war und ich mir nächstes Mal, wenn ich das Outfit trage, etwas anderes überlege.

Mein Outfit ist auf der Hochzeit sehr gut angekommen. Nur wenige Leute wussten, dass es selbstgemacht ist, trotzdem habe ich viele Komplimente fürs Gesamtoutfit erhalten. Mit so einer Farbe besteht immer die Gefahr, vom Aussehen her “zu nah” an die Braut zu kommen. Da unsere Braut ein richtiges weißes Brautkleid mit Schleier, Schleppe und allem, was dazu gehört, getragen hat, habe ich mir erlaubt, diese hellrosa Farbe anzuziehen. Meiner Meinung nach würde dieses Outfit auch gut als Brautoutfit für die standesamtliche Trauung durchgehen. Unkompliziert zu nähen und bequem zu tragen, ist es absolut weiter zu empfehlen. 

Schnitt Kleid: Burda style 4/2016 Mod. 122, hier als Downloadschnitt
Schnitt Jacke: Burda Style Frühjahr/Sommer Kollektion 2016, Schnitt #6645
Schnitt Tasche: Bowie in XXL von Pattydoo

Stoffe Kleid:
Oberstoff: Polyesterkrepp in Puderrosa
Futterstoff: Polyestersatin mit Seidentouch in Puderrosa

Stoffe Jacke:
Oberstoff: Polyesterkrepp in Puderrosa mit Spitze obendrauf
Futterstoff: Reinseidensatin in Puderrosa
Stoffe Tasche: Reste von der Jacke, verstärkt mit Decovil Light und Vlieseline G 630

Alle Stoffe bis auf die Spitze gekauft bei Das Stofflager in Griesheim (link)
Spitze von Alfatex

Fotos: meine
Schuhe: Tamaris

Montag, 31. Juli 2017

Ein Jumpsuit aus leichtem Viskosestoff


Mit unserer Urlaubsplanung waren wir dieses Jahr etwas spontan. Keine Woche im Voraus wusste ich, dass wir an die französische Riviera fahren. Das war mein erstes Mal dort und ich fand es wunderschön.

Im letzten Post habe ich euch schon ein Jumpsuit gezeigt. Ich habe ihn auch in der Burda-Community gepostet. Beim Stöbern über die anderen Communitykreationen bin ich über diese gestolpert. Noch ein Jumpsuit :) Im Heft ist er in Unifarbe verarbeitet, mir gefiel aber die gemusterte Version sehr gut. Und irgendwie kreiste bei mir der Gedanke im Kopf, dass dieses Modell für einen Tagesausflug in Frankreich gut passen würde. Später habe ich noch diese und diese Variante aus Viskosejersey gesehen. Ich wollte dieses Mal aber ein sehr leichtes Material verarbeiten und habe dafür einen Viskosemusselin mit Palmenblätterprint von Dawanda* genommen.

Für meine Verhältnisse war dieses Projekt relativ schnell umgesetzt. An Arbeitstagen kann ich höchstens eine Stunde abends ins Nähen investieren. So habe ich am Dienstag den Stoff gekauft und das Schnittmuster abgepaust, am Mittwoch zugeschnitten, am Donnerstag geheftet und anprobiert, um die notwendigen Korrekturen durchzuführen. Am Freitagabend und am Samstag habe ich dann den Anzug fertiggenäht. Am Sonntag ging es los nach Frankreich :)

Die Posts von Nokiko und Claudi292 haben mich verunsichert, was die Passform angeht. Die Dame mit einer Körpergröße von 160 cm fand das Modell zu kurz... Da ich 8 cm größer bin, wusste ich, dass auch ich mit hoher Wahrscheinlichkeit verlängern muss. So habe ich an beiden Teilen des Oberteils und oben am Hosenbund eine größere Nahtzugabe hinzugefügt, jeweils 2,5 cm. Nach der Anprobe entschied ich, jeweils 1 cm aus der Nahtzugabe des Oberteils und Passe rauszulassen. Das entspricht insgesamt 2 cm Verlängerung. Dazu habe ich die hintere Hosenmittelnaht um 1 cm verlängert. "Schrittfreiheit" nennt man das, falls ich mich nicht irre, sehr wichtig bei nicht dehnbaren Stoffen. Die Hose war wie immer zu lang. Ich habe sie um 7 cm gekürzt. Und das war's, in der Breite hat der Overall sehr gut gepasst.




In der russischen Burda-Community haben die Leute das Modell nicht so schön gefunden. Es gab mehrere Kommentare, dass die Raffung auf der Brust und die horizontale Teilung sehr auftragen. Ich kann diese Meinung gar nicht teilen. Ich finde, dass ich in dem Overall kein bisschen dicker aussehe, maximal so, wie ich bin :)

Den Jumpsuit habe ich im Urlaub sehr gerne getragen. So gerne, dass ich ihn noch per Hand gewaschen und an der Sonne getrocknet habe. Obwohl ich genug andere Kleider dabei hatte, habe ich den Anzug mehrmals anziehen wollen.

Die leichte "kalte" Viskose hat sich bei +35 Grad sehr angenehm angefühlt. Die Hosenbeine sind breit genug, um genug Durchluftung unter der Meeresbrise zu bieten. Auf den Fotos sieht man teilweise, dass es in der Nähe vom Meer relativ windig war.

Bei unserem Tagesausflug nach Monaco habe ich mich auch neben dem dortigen Publikum gut angezogen gefühlt. Ich stand vor den Designergeschäften und habe die Frauen beobachtet, die mit vollen Einkaufstaschen rausgingen. Die passenden Männer warteten draußen. Ich habe die Kleidermodelle durch die Glasfenster beobachtet. Ihre Preise habe ich nicht gesehen, doch mir vorstellen können, dass es keine 50-Euro-Teile waren. Ich fand mein Outfit an dem Tag keinesfalls schlechter oder "billiger". Ich war froh, zu erkennen, dass ich mittlerweile ziemlich jedes Kleidermodell nachnähen kann.

Das Post wollte ich im Urlaub verfassen, doch dafür fehlten mir die Zeit und Ruhe. Inzwischen bin ich froh, wieder in gewohnten Umgebung in Deutschland zu sein und mich meinem Lieblingshobby weiter widmen zu können. Das Wetter ist auch hier sehr angenehm geworden.

Schnitt: Modell 111 aus Burdastyle 6/2017, auch als Downloadschnitt verfügbar
Stoff: Viskosemusselin von Dawanda*
Fotos: meine

* - Partnerlink


Mittwoch, 12. Juli 2017

Modernes Retro: ein Jumpsuit


Als ich vor ein paar Jahren den Jumpsuit in den Schnittmustermagazinen sah, war meine Reaktion “Oh neee, sowas werde ich nie tragen”. Obwohl ein Jumpsuit zur Mode der 70er gehört, standen die Bilder aus den 80ern-90ern vor meinen Augen: Frauen in neonfarbigen Overalls, Dauerwelle, die mit Haarlack fixiert ist, und natürlich hellblauen Lidschatten. “Neee, das ist das krasse Gegenteil von dem, wie ich aussehen will”, dachte ich.

Aber die Magazine waren sehr penetrant: fast jeden Monat tauchte in dem einen oder anderen Heft eine neue Variation des Jumpsuits auf. Eines Tages in 2016, als ich die Aprilausgabe des Burda-Magazins meinem Postfach entnahm, habe ich ihn gesehen: den Einteiler aus einem weichen Viskosejersey, mit breitem Bein und offenen Rücken. Der Anzug in der weinroten Farbe sah unglaublich elegant aus. Ich musste ihn unbedingt haben :)
Vom Schnittabpausen bis zum Fertignähen ist mehr als ein Jahr vergangen. Teilweise lag es daran, dass so ein Jumpsuit nicht zu den Alltagskleidungsstücken zählt, man “braucht” sowas nicht. Der Nähprozess selbst hat bei mir auch etwas gedauert. Nach dem Zuschneiden und Probeheften lag das Teil monatelang als UFO (Unfinished Object) im Schrank. Die vielen Anpassungen, die ich machen musste, haben meiner Motivation Grenzen gesetzt. Da ich den Suit unbedingt hier in meinem neuen Blog zeigen wollte, habe ich entschieden, ihn fertig zu machen, und bereue diese Entscheidung auf keinen Fall.


Meist bin ich mit meiner Körpergröße von 168 cm bei Burda und den anderen gut aufgehoben. Die Schnitte in Normalgrößen sind genau für diese Größe entwickelt. Leider gab es den von mir gewählten Overall nur in Kurzgrößen: 18 bis 21 für Frauen, die 160 cm groß sind. Das hieß, dass ich den Schnitt in der Länge anpassen musste. Da das meine erste Erfahrung mit Kurzgrößen war, wollte ich auf Nummer sicher gehen, und habe dem Oberteil und der Hose im Hüftbereich jeweils 4 cm dazugegeben. Das hat die 8 cm Größenunterschied zwischen “normal” und “kurz” kompensiert.

Bei der ersten Anprobe hing der Schritt ziemlich tief. So eine Art Haremshose :) Ich konnte die zusätzlichen Zentimeter von der oberen Hosenkante sofort abschneiden.

Obwohl das Oberteil locker über dem Bund hängen sollte, war es nach meiner Verlängerung auch viel zu lang. Von mir wurde es nur unten verlängert. Der Halsausschnitt und die Armlöcher des Originalschnitts waren für mein Geschmack viel zu tief. Deswegen habe ich das Oberteil oben an den Schultern wieder um 4 cm gekürzt.

Ich habe mich nach der Maßtabelle für die Größe 21 entschieden und musste unten an den Seiten doch ziemlich viel wegnehmen. Insgesamt habe ich im Taillenbereich 10 cm weggenommen, sonst hätte der Jumpsuit gar nicht gehalten. Die Hosenbeine sind sehr breit, ich habe sie jeweils um 2 cm verschmälert. 

Insgesamt habe ich das Nähen dieses Modells nicht als leicht empfunden. Schon beim Zuschneiden hatte ich meine Probleme, weil ich viel zu wenig Stoff hatte. Das ist natürlich meine eigene Schuld. Ich hatte nur ein 180 cm langes Stück zuhause und musste tricksen, um alle Schnittteile draufpacken zu können. Auf die Taschen habe ich dann verzichtet :) 

Die viele Schnittanpassungen und Anproben haben den Nähprozess in die Länge gezogen. Am Anfang sah der Overall gar nicht gut aus, und ich habe gezweifelt, ob so ein Einteiler überhaupt etwas für mich sein kann. Viskosejersey ist auch nicht so leicht zu nähen, insbesondere wenn man einen Reisverschluss einarbeiten muss. Weil eine so breite Hose aus einem so schweren Material doch einiges am Gewicht hat, muss der Bund sehr stabil sein. Viskosejersey ist aber alles andere als stabil, deswegen wird im Magazin auch empfohlen, ein Gummi auf die Bundnaht anzunähen. Statt eines einfachen Gummis habe ich Framilastik (link) in der 6-mm-Breite genommen und finde diese Lösung richtig schön. Die Stabilität hat sich deutlich gebessert und die Naht ist nicht dicker geworden.

Ich muss sagen, dass ich von dem Ergebnis jetzt richtig begeistert bin. Vielleicht ist es die Farbe? Den dunkelroten Ton mag ich auch sonst sehr gerne.

Das Modell ist dafür gedacht, es ohne BH zu tragen. Zu den 70ern würde es richtig gut passen. Ich habe neulich ein interessantes Interview mit einem sowjetischen Model, Ewgenija Kurakina, gelesen, in dem sie sagt: “[...] Und in den siebziger Jahren haben wir derart kurze Röcke und derart hohe Plateauschuhe getragen, so hoch, dass es uns heute nichts mehr als gewagt erscheint. In Moskau wurde ich einmal von einem Milizionär angehalten, weil ich in ein rotes transparentes Batisthemd gehüllt war und keinen BH trug.” (Quelle)

Es ist 2017 und ich bin auch leider nicht mehr 16. Deswegen traue ich mir nicht zu, irgendwo mit offenem Rücken und ohne BH aufzutauchen. Als Lösung habe ich ein BH mit Frontverschluss und Rückenverzierung genommen. Einfach, weil ich mich so sicherer fühle. Ich finde, das lässt sich so tragen, oder?

Wie ich oben schon geschrieben habe, ist so ein Overall kein Alltagsteil. Für mich ist er definitiv nichts für die Arbeit. Aber vielleicht für eine Sommercocktailparty? Schade, dass ich so selten auf so eine Party eingeladen bin… 

Trotz allen Schwierigkeiten mit diesem Overall, habe ich schon ein anderes Modell ins Auge gefasst und suche brennend nach dem passenden Stoff. Das Modell 121 aus Burda 4/2017 aus Rippenjersey ist, meiner Meinung nach, auch ein absoluter Hingucker.

Was denkt ihr von Overalls generell? Habt ihr welche im Schrank? Wann werden sie bei euch ausgeführt?

Stoff: Viskosejersey in Bordeaux von AfS (Partnerlink)
SM: Modell 112A aus Burda 04/2016 oder als Downloadschnitt.
Fotos: meine

Verlinkt bei AfterWorkSewing.

Freitag, 7. Juli 2017

Was ich am Nähen (nicht) mag

Wie wahrscheinlich viele von euch nähe auch ich meistens alleine. Ich sitze in meinem schicken Nähzimmer meiner Nähecke im Schlafzimmer und kreiere vor mich hin. Manchmal weiche ich ins Esszimmer aus, um auf dem großen Esstisch zuzuschneiden. Wenn ich alleine bin, kann ich so den ganzen Tag verbringen, ohne ein Wort gesprochen zu haben.

In meinem Umfeld gibt es nur wenige Leute, mit denen ich mich über mein Hobby unterhalten kann. Vor ein paar Jahren bin ich einer lokalen Nähgruppe beigetreten, die sich regelmäßig alle 1-2 Monate trifft, um gemeinsam zu nähen.

Letztens haben wir uns dort über die Sachen unterhalten, die wir am Nähen mögen und nicht mögen. Eine von uns hat gesagt, dass sie den Prozess der Modell- und Stoffauswahl faszinierend findet. Und das Nähen selbst ist dann nur Mittel zum Zweck… Ich muss für mich sagen, dass ich manchmal das Zusammensuchen der Materialien ziemlich nervig finde. Insbesondere bei Taschen, wenn die Paspel farblich zum Reißverschluss passen muss und das Ganze noch mit den meist mehreren Stoffen harmonieren muss… Uff, da besucht man schon einige Geschäfte und bestellt online, um festzustellen, dass die Farbe im Endeffekt doch nicht so ist, wie abgebildet. Also, zusammensuchen, hm… nicht meine Lieblingsbeschäftigung.
Es gibt einige Sachen, die mich am Nähen reizen, und eine davon ist, dass ich keine Kompromisse eingehen muss. Ich nähe viel Kleidung für mich, und jede Naht sitzt dort, wo ich sie haben möchte. Und das Modell ist so, wie ich es mir vorstelle. Volant hier? Bitte! Kein Volant? Bitte! Meist benutze ich natürliche Stoffe, die angenehm zu tragen sind. Ich habe schon vergessen, wie sich Polyester anfühlt. Und etwas Neues aus dem “Nichts” zu kreieren, ist natürlich auch ein tolles Gefühl. Mit der Zeit habe ich auch bemerkt, dass die von mir genähten Kleider sauberer verarbeitet sind, als die gekauften aus der mittleren Klasse. Naja, nicht immer, aber ich übe ja auch noch :)
Als ich meine Freundin fragte, was sie nicht mag, hat sie gesagt: “Wenn etwas per Hand angenäht werden muss.” Manchmal, wenn man nach Anleitung näht, muss man das Futter an den Reißverschluss per Hand annähen. Oder Blindsaum. Oder Wendeöffnung mit Matratzenstich… Hm… Ich habe kein Problem damit. Obwohl ich in der letzten Zeit viel mit der Maschine arbeite, auch beim Futter und Blindsaum, finde ich es trotzdem nicht schlimm, mal eine Nadel in die Hand zu nehmen. Schließlich heißt es ja Handarbeit. Und ich hefte viel. Viel zu viel im Vergleich zu den Anderen, die ich kenne. Altmodisch, ich weiß, aber ich sage mir immer wieder: “Lieber ein mal zu viel geheftet, als wieder eine Naht auftrennen zu müssen.”
Was mag ich beim Nähen am wenigsten? Früher habe ich Schnittmusterabzeichnen nicht gemocht. Oder zusammenkleben. Jetzt bin ich routinierter und schneller geworden und es macht mir nichts aus. Was ich nicht mag, sind Anpassungen an die Figur. Ihr habt wahrscheinlich schon die Tendenz im letzten Post bemerkt. Über die Jahre habe ich einige UFOs (unfinished objects) gesammelt. Die meisten davon sind liegen geblieben, weil sie nicht gepasst haben. Ich hätte mir notieren müssen, wo und was verändert werden muss, und teilweise wieder auftrennen müssen. Manchmal wusste ich nicht ganz, wie ich die Passform am fertigen Stück korrigiere, und das Stück ist nicht fertig geworden. Schade. Aber die Hürde, mich mit diesem Problem auseinander zu setzen, ist höher, als etwas Neues anzufangen.
Umso stolzer bin ich, euch nächste Woche eins von diesen Projekten präsentieren zu können. Dafür bin ich diesem Blog dankbar, weil ich mir selbst so ein bisschen Druck gemacht habe. Es lag bestimmt seit 6 Monaten rum und jetzt ist es fertig :) Und jetzt bin ich stolze Besitzerin eines neuen Kleidungsstücks.

Habt ihr euch auch schon mal zum Thema “Warum nähe ich?” Gedanken gemacht? Es wird mich riesig freuen, wenn ich den einen oder anderen Kommentar zum Thema bekomme. Ich bin mir sicher, dass wir alle verschiedene Sachen am Nähen toll und hässlich finden. Und vielleicht gibt es den einen oder anderen Tipp, wie man die nicht so schönen Operationen schöner machen kann :)

Ich wünsche euch ein sonniges Wochenende. Bis nächste Woche!

Mittwoch, 28. Juni 2017

Kleiderschnitt entwickeln: ein Etuikleid

Als Schülerin der 6.-7. Klasse habe ich einen Nähkurs besucht. Ich wohnte zu der Zeit noch in meinem Heimatland. Im Kurs ging es um Kleidernähen nach selbst erstellten Schnittmustern. Die Reihenfolge ist jeder Frau, die in einer russischen Schule war, bekannt: Küchenschürze, Nachthemd, Rock, Hose/Oberteil usw. Jedes von mir erstellte Kleidungsstück, egal wie hässlich es war, habe ich fleissig im Alltag getragen.

Viele Jahre sind vergangen und als ich letztes Jahr wieder ein Schnittmuster selbst erstellen wollte, verstand ich, dass ich alles vergessen hatte. Das ist nicht unbedingt bedauerlich, sondern eher erfreulich, weil ich mir so eine neue Schnittkonstruktionsmethode beibringen konnte.

Motivation

Ich habe mittlerweile rund 100 Schnittmustermagazine und meine Kollektion wächst ständig. Außerdem ist das Internet voll von neuen Anleitungen, die mit einem Klick gekauft werden können. Warum ein SM selbst zeichnen? Zeit, Materialkosten, Fehleranfälligkeit…

Bisher, wenn ich ein Kleid aus einem nichtdehnbaren Stoff nähen wollte, habe ich immer ein Probemodell aus Nessel genäht. Für mich war es zu viel Risiko einfach so den schöneren Stoff loszuschneiden, auch wenn ich grob die Maße verglichen habe. Immer wieder stand bei mir oben der Hals- oder Armausschnitt ab, die Seitennähte verliefen nicht gerade oder der Rücken hang wie ein Sack. Das vordere Oberteil war auch häufig, aber nicht immer, zu kurz. Auf dem Nesselmodell konnte ich dann die Fehler abstecken und ins Schnittmuster grob übertragen.

Eines Tages hatte ich genug von Schnittmusteranpassung, zudem ich mich immer wieder halbblind gefühlt habe, weil ich nicht verstanden habe, was die Ursache war. Auf dem Blog von Jenny exclamation-point.de habe ich gelesen, dass Burdaschnitte nicht immer auf die gleiche Art und Weise korrigiert werden können. Die gleiche Erfahrung habe ich auch gemacht. Ich wollte einen Schnitt vom Kleid erstellen, das “wie angegossen” sitzt. Ich dachte, dass es mir die Möglichkeit gibt, Burdaschnitte schneller anzupassen oder die Modelle selber herzustellen. Teilweise habe ich mich nicht geirrt. Aber nur teilweise.

Schnittentwicklung

Ich bin schon ein bisschen perfektionistisch, was ich mittlerweile als Nachteil betrachte. Es gibt verschiedene Methoden, einen Schnitt vom Kleid zu entwickeln, und ich wusste schon im Voraus, dass die einfachste meinen Anforderungen nicht genügen wird. Je einfacher die Methode, desto mehr setzt sie voraus, dass deine Figur der Konfektionsfigur ähnelt. Die Fehler, die anhand so genannter Festmaße entstehen, werden dann später während der Anprobe korrigiert. Ich habe mit so einer Methode für Hosenkonstruktion ziemlich schlechte Erfahrung gemacht.

Also habe ich mich für eine Methode entschieden, die keine Festmaße nutzt. Es wird alles am Körper gemessen und jede Körpereigenschaft berücksichtigt. Dafür muss man aber ca. 30 Maße nehmen. Einfach ist anders. Vor allem kann man eigene Maße sehr schlecht selbst nehmen…

Nachdem ich meinen Freund anhand Internetvideos zum Maßnehmer ausgebildet habe und er meine Maße sehr sorgfältig genommen hat, habe ich mein erstes Kleid konstruiert und ein Probemodell aus Nessel genäht.
Wie ihr sehen könnt, sah es… hm… nicht so wirklich toll aus. Ich habe mich hilfesuchend an die Mädels in diesem Forum (Russisch) gewandt. Sie haben mir sehr geholfen, zu verstehen, was ich falsch gemacht habe. Ich musste mit großem inneren Widerstand erkennen, dass meine Figur doch weit weg von der Konfektion ist. Die Schultern sind nämlich nach vorne gedreht, wie man auf dem folgenden Bild sieht.
Dadurch, dass Kleider auf den Schultern balancieren - im Gegensatz zu Röcken und Hosen, die auf der Taille sitzen - ist der Schulterbereich für so einen Schnitt sehr wichtig. Ich habe am Probemodell gezeichnet, gerechnet, die Maße entsprechend angepasst und ein neues Probemodell genäht. Insgesamt habe ich 3 Probekleider nähen müssen, um zur, meiner Meinung nach, perfekten Passform zu kommen. So sah das letzte Probemodell aus einem alten Bettlacken aus:
Ich sehe einen deutlichen Unterschied, und ihr?

Da die Abnäher vorne und hinten bei mir ziemlich tief sind, musste ich sie teilen. So habe ich jeweils 2 Abnäher und 2 Teilungsnähte vorne und hinten. Ich habe für mich eine Zeichnung des Kleidmodells gemacht:
Das Etuikleid

Ich wollte das erste Kleid nach dem selbsterstellten Schnittmuster sehr einfach halten. Ein schnell genähtes Etuikleid, ohne Futter und Schnickschnack.

Für so ein Sommeretuikleid habe ich mich für Baumwollsatin mit Elastan entschieden. Über die Jahre habe ich einige Stoffstücke in solcher Qualität zuhause gesammelt und nie verarbeitet. Alle haben ziemlich große Muster und sind schön bunt.
Obwohl ich schon so viel Übung mit den Probekleidern hatte, habe ich doch ein paar Fehler gemacht. Ein Fehler tut mir besonders leid: ich habe das große schöne Muster nicht angepasst. Weil so ein Etuikleid doch ein paar senkrechte Schnittlinien hat, sieht das vorne nicht so toll aus. Aufgefallen ist es mir schon während der Anprobe, doch habe ich entschieden, das Kleid fertig zu machen und zu tragen. Dieser Fehler passiert mir nicht zweimal :)
Den Ausschnitt und die Armlöcher habe ich mit einem Beleg bearbeitet. Auch hier ist nicht alles ideal gelaufen und wird vielleicht beim nächsten Mal besser. Der Stoff ist gar nicht durchsichtig, deswegen habe ich das Kleid ohne Futter gemacht. Für den Sommer ist jede zusätzliche Schicht Stoff unerwünscht.
Wie jedes Etuikleid ist auch dieses ziemlich schlicht. Das Blumenmuster macht es aber fröhlich und sommerlich. Da es nicht so verspielt ist, wie das Carmenkleid aus dem letzten Post, eignet es sich perfekt fürs Büro.
Ich freue mich schon nach dem selbsterstellten Basischnitt viele weitere Kleider zu kreieren. Eins ist schon in der Mache. Viertel vor fertig, sozusagen :)

Schnitt: selbst erstellt
Stoff: Baumwollsatin 97%BW 3%EL aus dem lokalen Stoffladen
Fotos: meine

Heute ist wieder ein Mittwoch und hier könnt ihr die andere Kreationen des heutigen MeMadeMittwochs bewundern.