Samstag, 28. Oktober 2017

Meine DIY-Schneiderpuppe: Versuch Nr. 2

DIY Schneiderpuppe

In dem letzten Post habe ich das Thema Maßschneiderpuppe schon etwas motiviert. In diesem Post möchte ich mit euch meine Erfahrung mit der anderen Herstellungsmethode teilen: eine Negativform aus Gips anfertigen und sie mit einem PU-Schaum ausgießen. Diese Methode ist sehr aufwändig und erfordert viel Kraft und Geduld. Das Ergebnis ist aber sehr zufriedenstellend. Endlich habe ich ein Oberkörperduplikat von mir und kann mir schon viele Anwendungen dafür vorstellen.

Als ich den Leuten über dieses Projekt erzählte, kam sofort die berechtigte Frage “Warum?”. Ich möchte mich aber in diesem Post mit der Frage nicht zu beschäftigen, sondern ganz detailliert den Entstehungsprozess beschreiben. Jeder kann für sich entscheiden, ob sich so etwas lohnt. Die entstandene Schneiderpuppe wird in meinen zukünftigen Posts definitiv eine wichtige Rolle spielen. Ich plane, mich demnächst mit Draping etwas näher auseinanderzusetzen.

Recherche


Jedes große Projekt, und dieses war auf jeden Fall groß genug, muss mit einer Recherche beginnen. Ich liebe das Internet: von der Geschwindigkeit, mit der man an Information rankommt, konnten unsere Vorgänger nur träumen. Ich habe auf drei Sprachen nach allen möglichen DIY-Schneiderpuppen gesucht. Wie erwartet, konnte ich die nützlichen Quellen an einer Hand abzählen. Hier sind sie:

Diese Posts haben mir sehr geholfen, Fehler zu vermeiden und Lösungen zu finden. Sie haben mich auch inspiriert, dass das, was ich vorhabe, möglich ist.

Material


Für meine Maßschneiderpuppe habe ich gebraucht:
  1. Gipsbinden: 30 Rollen à 8 cm breit und 3 Meter lang. Ich habe diese verwendet.
  2. 4 Stöcke zum Stützen der Formhälften beim Aushärten.
  3. Alte Unterwäsche und Vaseline zum Einschmieren des Körpers vor dem Vergipsen, ich habe sie bei DM gekauft.
  4. Gipspulver zum Ausbessern der Form. Aus dem lokalen Bastelladen.
  5. Schleifpapier, Spachtel.
  6. Acryllack zum Versiegeln der Gipsform. Aus dem Baumarkt.
  7. Trennmittel, damit der PU-Schaum sich leichter von der Form ablöst. Ich habe diesen verwendet, passend zu dem Schaum.
  8. PU-Schaum zum Ausfüllen der Form. Ich habe Smooth-On FlexFoam-iT V verwendet.
  9. Klebeband, Frischhaltefolie
  10. Standfuß. Ich habe diesen gekauft.
  11. Lycra zum Beziehen der Schneiderpuppe, ca. 1 Meter. Ich habe ihn in meinen unendlichen Stoffvorräten gefunden.
Ganz wichtig: ihr braucht einen geduldigen und treuen Helfer, der euch nicht auf der Hälfte der Strecke alleine lässt. Hier habe ich Glück gehabt, weil mein Helfer im Endeffekt mehr Arbeit investiert hat als ich. Um seine Identität zu schützen, werde ich ihn in diesem Text einfach Schatz nennen :) Also, ohne Schatz kann man dieses Projekt nicht durchziehen.

Negativform aus Gips


Zuerst mussten wir einen Gipsabdruck meines Körpers anfertigen. Das war für mich das Schwierigste, weil ich mehrere Stunden still stehen musste, während Schatz mich von allen Seiten mit Gipsbinden beklebte. Der erster Versuch ist gescheitert. Entweder waren die Gipsbinden von zu schlechter Qualität oder einfach zu alt, oder wir zu unerfahren. Die erste Form war dünn, wollte stundenlang an mir nicht trocknen und hat sich am Ende so stark verzogen, dass wir entschieden haben, sie nicht weiter zu verwenden und eine neue zu machen. Die Hälften der Form lagen zum Trocknen auf dem Boden und der Halsbereich hat sich unter Schwerkraft nach unten bewegt. Um das zu verhindern, haben wir beim 2. Versuch eine Brücke aus Gipsbinden um diesen Bereich herum gebaut. Beim 2. Versuch haben wir andere Gipsbinden verwendet und die Form dicker gemacht: ca. 4-5 Lagen. Obwohl die Form beim 2. Mal schneller trocknete (bessere Gipsbinden?), habe ich die Zeit gestoppt und beobachtet, dass ich insgesamt 4 Stunden lang dafür in meiner natürlichen Körperhaltung stehen musste. Das war eine Herausforderung. Ich stand da an einem sonnigen Samstag und habe daran gedacht, dass die meisten Leute in diesem Moment höchstwahrscheinlich was angenehmeres machen. Ich habe auch gedacht, dass man schon ziemlich verrückt nach dem eigenem Hobby sein muss, um auf so eine Idee zu kommen. Schatz war optimistisch und hat mir seine Zeit und gute Laune einfach geschenkt.

Beim ersten Versuch haben wir den kompletten Oberkörper einfach eingegipst. Danach haben wir versucht, die schon getrocknete Form am Körper in zwei Hälften zu schneiden, um sie abzunehmen. Das war sehr erschreckend, insbesondere im Halsbereich. Ich glaube auch, dass sich die Form beim Schneiden mit einer Verbandsschere etwas verzogen hat. 
DIY Schneiderpuppe
Deswegen haben wir uns entschieden, beim 2. Mal sofort die 2 Hälften getrennt auszuformen. Diese Idee haben wir einem der Blogs (links oben) entnommen. Wir haben aus einem Gewebeband eine “Barriere” angefertigt, die wir an die seitlichen Trennlinien auf meinem Körper geklebt haben. Die Binden hat Schatz von vorne und von hinten bündig an die Barriere geklebt. Das hat relativ gut funktioniert und es war viel leichter, die Form von Körper abzunehmen.

Es ist ein bekannter Fakt, dass man fürs Schneidern alle Maße in der Unterwäsche nimmt, die man auch danach unter der Kleidung tragen will. So ist es auch hier: die Form muss nicht auf vom komplett nackten Körper erstellt werden. Die Unterwäsche wird aber auf jeden Fall durch Gips und Schneiden ruiniert. Ich habe dafür einen ganz alten BH, der aber trotzdem gut saß, geopfert.

Beim zweiten Versuch haben wir den unteren Hüftbereich mit einer Frischhaltefolie umwickelt. Meine Vermutung war, dass es uns hilft, den Bereich besser wie einen geraden Rock auszuformen. Im Nachhinein würde ich davon abraten. Durch die Folie kamen viele Rillen und Kerben in der Form, die wir danach aufwändig abschleifen und zuspachteln mussten. Auch kann es sein, dass die Folie meine Hüftform leicht verändert hat.
DIY Schneiderpuppe

Zum Verstützen der Gipsform beim Trocknen und zum besserem Greifen haben wir je 2 Holzgriffe vorne und hinten mit Gipsbinden befestigt. Wie ich schon erwähnte, haben wir auch die Binden benutzt, um eine Stütze für den Halsbereich gebaut, damit die Form sich beim Trocknen nicht verzieht.
DIY Schneiderpuppe
Ganz wichtig ist es, vor dem Abnehmen der Form, unten rundherum Markierungen in gleichem Abstand zum Boden zu machen. Dafür kann man ein langes Lineal oder einfach einen Stab verwenden. Das hilft später die Schneiderpuppe in eine natürliche Haltung zu bringen. Die Markierungen haben wir mit Acrylfarbe gemacht, die im Gegensatz zu den Filzstiften auf dem halbnassen Gips sichtbar wurde. 

Gipsform nachbearbeiten


Zum Trocknen braucht Gips ein paar Tage. Ich war ganz gespannt, ob die Gipshälften noch in Form geblieben sind, und habe sie grob mit einem Maßband nachgemessen. Wir haben die zwei Hälften aufeinander gelegt, um zu schauen, ob die Ränder bündig sind. Die Hälften haben gut zusammen gepasst, nur an einer Stelle, an der rechten Hüfte, trafen sie nicht aufeinander, sondern es blieb 1-2 cm breiter Spalt. So wie ich es in Erinnerung habe, war das die Stelle, an der wir beim Formabnehmen etwas gezogen haben. Diesen “Defekt” haben wir später korrigiert, indem wir die Form an dieser Stelle etwas nass gemacht haben und in die entsprechende Richtung gezogen haben.

Es blieben viele Unreinheiten von der Unterwäsche und der Folie. Wir haben sie mit Schleifpapier geschliffen und mit der Gipsmasse zugespachtelt. Danach hat Schatz die zwei Hälften mit Gipsbinden aneinander geklebt und den Spalt zugespachtelt. 
DIY Schneiderpuppe
Die Löcher für Hals und Arme haben wir nach der Begradigung der Ränder mit Gipsbinden zugezogen.
DIY Schneiderpuppe

DIY Schneiderpuppe

Es ist ganz wichtig, dass die Form vor dem Ausfüllen mit einer ausreichenden Menge Acryllack versiegelt wird. Das schließt die kleinen Poren im Gips und sorgt dafür, dass das danach verwendete Trennmittel nicht vom Gips aufgesaugt wird. Das Trennmittel kam bei uns direkt vor dem Ausfüllen auf die Form.

Schatz hat irgendwo gelesen, dass man die Gipsform mit einem Trennschleifer wieder auf zwei Hälften schneiden kann, damit man die ausgefüllte Form besser abnehmen kann. Die Idee war, die Gipsform, die so aufwendig angefertigt wurde, beim Abnehmen nicht kaputt zu machen. Schatz hat mit einem Trennschleifer einen sauberen Schnitt gemacht, und vor dem Ausfüllen haben wir die zwei Hälften einfach mit einem Gewebeband und etwas Frischhaltefolie aneinander fixiert.
DIY Schneiderpuppe
Schatz hat die Form auch unten an unseren Farbmarkierungen abgesägt, so, dass wir einen perfekten Boden hatten.
DIY Schneiderpuppe

Ausfüllen der Gipsform


Zum Ausfüllen kann man verschiedene Materialien verwenden. Viele verwenden Bauschaum, was eine bezahlbare und praktische Lösung ist. Ich habe mich im Baumarkt beraten lassen und bin zum Schluss gekommen, dass von all den PU-Schäumen ein 2-Komponenten-PU-Schaum das beste ist.

In einem russischen Forum habe ich erfahren, dass es einen 2-Komponenten-Weichschaum gibt, der sich nicht reinsprühen, sondern reingießen lässt. Der Schaum wird von einer amerikanischen Firma produziert und wird in verschiedenen Bereichen der Kunstgestaltung und der Herstellung von Filmrequisiten angewandt. Nach dem Austrocknen kommt ein etwas weicher gummiartiger Schaumkörper raus, der vom Griff her an ein Antistressball erinnert. Der Schaum ist nicht toxisch und soll sogar für Spielzeuge geeignet sein. Das ist mir auch sehr wichtig, weil die Schneiderpuppe in meinem Schlafzimmer stehen wird.

Die Kosten dieses Schaums haben mich zum Verzweifeln gebracht. Der Bauschaum hätte die Hälfte gekostet. Am Ende war ich aber froh, dass ich mich, nachdem wir so viel Zeit und Mühe in die Gipsform investierten, für das teurere Material entschieden habe. Das Aussehen und die Haptik des amerikanischen Schaums sind ganz anders als bei Bauschaum, was ihn für unsere Zwecke definitiv besser eignet.

In der Spezifikation der Produktreihe Smooth-On FormX Flex habe ich gelesen, dass die Schaumkörper am Ende verschiedene Dichten haben. Nach einem Telefonat mit einer freundlichen Frau aus dem Kundenservice von Kaupo (einem der Vertriebler von FormX in Deutschland) habe ich mich für den zweitvoluminösesten Schaum in der Reihe entschieden: FormX Flex V. Die Frau hat gesagt, dass ich bei diesem Produkt mehr Zeit fürs Mischen und Einfüllen habe, also mehr Kontrolle. Außerdem ist der Schaumkörper am Ende nicht so weich, wie es beim leichteren FormX Flex III der Fall ist.

Es stand nun die Frage im Raum: wieviel Schaum brauche ich? Ich musste die notwendige Menge relativ genau berechnen, weil der Schaum nicht günstig ist und auch nicht einfach so nachzukaufen ist. Er muss bestellt und geliefert werden, die Lieferung hat fast eine Woche gedauert. 

Eine Packung dieses 2-Komponentenschaumes hat ca. 1 Liter Flüssigkeit. In der Beschreibung stand, dass sich der Schaum sich max. um Faktor 11 vergrößert. Man erhält also ca. 11 Liter Schaum aus einer Packung. Wie viel Volumen mein Torso hat, wusste ich nicht. Zuerst habe ich versucht, das Volumen mathematisch aus meinen Umfängen zu berechnen. Es kamen ca. 40 Liter raus. Nach der Recherche im Internet habe ich verstanden, dass die Dichte des menschlichen Körpers der Dichte von Wasser ähnelt. Das Volumen des Körpers kann man also durch das Körpergewicht abschätzen. Wenn ich 63 Kilo schwer bin, dann hat mein Körper ca. 63 Liter Volumen. Und wie viel Anteil hat nun der Torso?

Ein paar Tage später beim Baden kam ich auf eine brillante Idee, die auch Archimedes lange vor mir hatte: das benötigte Volumen kann man durch ein Bad messen. Ich habe die Badewanne gefüllt, mich reingelegt und versucht, nur mein Torso im Wasser zu halten. Schatz hat auf Höhe des Wasserpegels am Rand der Badewanne eine Markierung mit einem Stück Klebeband gesetzt. Danach bin ich ausgestiegen und wir haben mit einem 5 Liter Topf das Wasser bis zur Markierung nachgefüllt und mitgezählt. Es kamen ca. 45 Liter raus :) Also wusste ich, dass ich mindestens 4 Packungen Schaum bestellen musste.

Als endlich alles für das Ausfüllen vorbereitet war, und der Schaum geliefert wurde, haben wir uns ein Samstagnachmittag dafür genommen, um das Projekt zum Ende zu bringen. Auf diesen Moment wartete ich sehnsüchtig.

Ein paar Wochen vorher habe ich zufällig von einer Bekannten, die die Stadt verlassen hat, eine Styroporschneiderpuppe bekommen, die bei ihr im Keller stand. Diese Puppe konnte ich gar nicht verwenden, weil sie mindestens 4 Größen kleiner als ich war. Und den Standfuß für meine neue Maßschneiderbüste habe ich schon separat hier gekauft. Der Standfuß war aber so gebaut, dass ein Metallrohr mit einem kleineren Durchmesser aus der Büste rausguckte, damit man sie an den Fuss montieren konnte. Diesen Rohr wollte ich ursprünglich im Baumarkt kaufen und einfach beim Reingießen in meine Form reinstecken. Da ich aber diese Styroporbüste hatte, haben wir entschieden, ihr Rohr zu verwenden. Es kam uns sehr gelegen, dass das Rohr schon von Styropor ummantelt war. Schatz hat die Puppe mit einem Messer wie einen Döner abgespeckt und nur einen kleinen 3-4 Liter großen Kern rund ums Rohr da gelassen. Immerhin haben wir dadurch auch etwas Volumen gespart, das wir nicht mit dem teureren Schaum ausfüllen mussten. 
DIY Schneiderpuppe
Wir haben einen “Boden” aus Pappe ausgeschnitten und wie einen Deckel auf die Form gelegt. An diesem Boden haben wir auch unsere Styroporkonstruktion befestigt. Danach haben wir die Form mit Klebeband und Frischhaltefolie zusammengebunden und kopfüber an einem Stuhl befestigt.
DIY Schneiderpuppe
Das Ausfüllen mit dem Schaum ging schnell gemäß der Gebrauchsanweisung. Gemischt, gegossen, gewartet bis er fest wurde, neue Portion angemischt, und so weiter. Nach der vierten und letzten Portion blieben noch ca. 7 cm bis zum Rand leer. Ich muss sagen, dass meine Schneiderpuppe sehr lang ist. Ich habe sie nach dem Prinzip “lieber länger als kürzer” gemacht. Wegen des Styroporkerns wollten wir den Rand aber nicht abschneiden und haben ihn mit einem einfachen 1K-Bauschaum ausgefüllt. So konnten wir auch die Qualität der Schäume vergleichen, und ich muss noch mal betonen, dass ich froh war, mich für den amerikanischen Schaum entschieden zu haben. Der Bauschaum hat sich anders benommen. Er hat viel länger gebraucht, um zu trocknen und hat eine sehr poröse löchrige Oberfläche geliefert. Im Prinzip, kann man den Schaum für die ganze Büste verwenden, es gibt genug Leute, die das gemacht haben. Man kann danach die Oberfläche durch Spachteln, Schleifen, und Versiegeln aufwerten. Das alles habe ich beim teureren Schaum nicht machen müssen.
DIY Schneiderpuppe



Letzter Schliff


Wir haben den Schaum ca. 10-15 Stunden über Nacht trocknen lassen und waren ganz aufgeregt zu sehen, wie unsere Schneiderpuppe geworden ist. Zu unserer Enttäuschung, ist der Plan, die Gipsform zu erhalten, in die Hose gegangen. Der Gips hat sich nur schwer gelöst und wir mussten ihn in Streifen abreißen. Den Schaumkörper hat das aber dank des großzügigen Einsatzes des Trennmittels nicht beschädigt. Er sah gut aus, roch fast gar nicht und hatte eine angenehme Haptik.
DIY Schneiderpuppe
Ein Paar sehr kleine Löcher oben und große Löcher in unteren Bereich aus dem einfachen Bauschaum, habe ich mit transparentem Silikon zugeschmiert. Die überstehenden Ränder habe ich mit einem scharfen Teppichmesser abgeschnitten. Es blieb nur der letzte Schliff. Hier war er: mein Körperzwilling.
DIY Schneiderpuppe
Es ist sehr interessant, die eigene Körperform so genau betrachten zu können, insbesondere im Bereich des Rückens. Der Schaumkörper ist schon sehr getreu, ich kann sehr gut meine Schulterblätter und das Schlüsselbein wiedererkennen. Ich habe meine gekaufte verstellbare Schneiderpuppe und die selbstgemachte nebeneinander gestellt und sehr viele kleine und große Unterschiede beobachtet. Ich verstehe nun, warum die Kleider nach fertigen Schnittmustern so schlecht an mir im Hals- und Schulterbereich passen.
DIY Schneiderpuppe

Ich konnte auch ziemlich viele Asymmetrien beobachten, die leider durch meinen Körper und nicht durch irgendeinen Herstellungsfehler der Puppe kommen. Als ich neben der Puppe stand, habe ich mir sagen lassen, dass meine linke Schulter wirklich höher als die rechte ist. Die Asymmetrie im Hüftbereich kam aber teilweise durch die Ungenauigkeit beim Arbeiten. Ich habe oben geschrieben, dass die Formen an einer Stelle nicht aufeinander passten. Das ist genau die rechte Hüfte gewesen. Solche Sachen kann man nachträglich korrigieren, indem man z.B. eine Schicht Pappmaché auf die problematischen Stellen aufträgt. Mein Drapinglehrer hat mir aber empfohlen, zunächst so mit der Puppe zu arbeiten und an ihr ein Basicteil zu konstruieren.  Nach dem Anprobieren des Teils kann man  besser beurteilen, an welchen Stellen der Schaum ab- oder aufgetragen werden muss.

Die Befestigung des Standfußes verlief auch nicht problemlos. Die Stange, die wir in den Schaumkörper steckten, war etwas schief. Wir haben das anhand des Standfußes ausgeglichen, indem wir die innere Stange auch schief in den Fuß steckten. Jetzt steht die Puppe gerade :) Dieser Fehler war also nicht so schlimm, wie ich zunächst befürchtet habe.

Ich habe meiner Schneiderpuppe eine Verkleidung aus dünnem schwarzen Lycra genäht. Den habe ich ohne Schnittmuster einfach direkt an den Körper gesteckt und abgeschnitten. Das war ziemlich einfach und dauerte nicht lange.
DIY Schneiderpuppe

Die Markierungen sind optional und sind aus schmalem Ripsband angefertigt. Die helfen mir, das Draping zu erlernen. Wann ich dafür Zeit finde, weiß ich noch nicht :) Es gibt so viele spannende Themen.

Bewertung und Vergleich


DIY Schneiderpuppe
Zum Schluss möchte ich kurz meine selbstgemachte Schneiderpuppe mit der gekauften vergleichen. Die gekaufte hat ca. 120 Euro gekostet und ist ein ganz hochwertiges verstellbares Modell von Prym: Prymadonna Multi. Theoretisch kann man diesem Modell auch eine Hose anziehen, jedoch habe ich dieses Feature nie benutzt.
DIY Schneiderpuppe






Zum Vergleich habe ich mein Probekleid aus diesem Post, das ich aufwendig auf meine Figur angepasst habe, beiden Büsten angezogen. Der größte Unterschied ist, wie erwartet, im Hals-Schulter-Armbereich. Die Umfänge konnte ich einstellen, jedoch unterscheiden sich Rückenlänge, Brusttiefe, Bauch-, und Poform. Wenn man Kleidung aus Jersey macht, dann verzeiht das Material schon einiges. Ein Etuikleid wie in diesem Post würde ich an der gekauften Puppe nicht nur nicht erstellen können, sondern auch nicht präsentieren können, da es im Schulterbereich so schlecht sitzt.
DIY Schneiderpuppe

Dieses Projekt ist ein ganz besonderes gewesen. Ich habe das Gefühl, dass es mich in meinem Hobby auf ein anderes Level gebracht hat. Es ergibt sich eine ganz neue Palette an Möglichkeiten… Was ich damit tue, und wie sich die Schneiderpuppe im Nähalltag macht, werden wir sehen. Ich freue mich riesig, sie endlich zu haben, und verabschiede mich heute mit dem Versprechen, sie in den zukünftigen Beiträgen noch ein paar Mal zu zeigen :)
DIY Schneiderpuppe

Ich möchte mich bei allen, die bis hierhin gelesen haben, und auch bei den Mitgliedern der Facebook Nähcommunity für euer Interesse bedanken. Mit so viel Resonanz habe ich gar nicht gerechnet. Es freut mich, dass es Leute gibt, die so etwas lesen und mich nicht sofort in eine psychiatrische Klinik einweisen.
DIY Schneiderpuppe


Montag, 18. September 2017

Schneiderbüste selber machen: erster Versuch

Schneiderbüste nach Maß

Früher oder später kommt man als Hobbyschneider am Thema Schneiderpuppe nicht vorbei. Auf dem Markt gibt es eine ganze Palette Puppen in allen möglichen Größen und Qualitäten. Es gibt sogar etwas teurere verstellbare Varianten und die, die man in Hosen kleiden kann.

Motivation


Seit ein Paar Jahren bin ich eine stolze Besitzerin einer verstellbaren Schneiderpuppe vom Prym mit Hosenfunktion (Prymadonna Multi). Doch benutzt habe ich sie kaum und seit meinem Umzug vor einem Jahr steht sie bei mir im Keller. Warum es so ist, erkläre ich gleich.

Wofür kann eine Schneiderpuppe gut sein?
  • um die genähten Kleider zu zeigen, z.B. auf dem Blog
  • um Schnittanpassungen zu machen
  • um Schnitte zu konstruieren, z.B. durch Draping
Meine gekaufte verstellbare Puppe hat von diesen drei Funktionen nur die erste erfüllt, und auch diese nur zu einem bestimmten Grad.

Seitdem ich mich mit Schnittmusterkonstruktion beschäftige, verstehe ich besser, dass wir alle sehr verschieden gebaut sind. Die Unterschiede liegen nicht nur in Konfektionsgröße und Umfängen, sondern in allen möglichen so genannten 3D-Maßen, wie z.B. Schulterneigung, Brusthöhe, Rückenlänge, Rückenbreite usw. Im Post über mein selbst konstruiertes Etuikleid habe ich die Geschichte des Entstehens eines körperengen Schnittes erzählt. Ich habe auch erwähnt, dass ich dafür 30 Maße nehmen lassen musste und 3 Probekleider konstruierte.

Die gekauften Puppen, auch wenn sie verstellbar sind, können einfach nicht die dreidimensionale Form jedes Körpers nachbilden. So war es mit meiner Puppe auch. Die Schnitte aus nichtdehnbaren Materialien haben der Puppe immer besser als mir gepasst, obwohl ich sie auf meine Oberkörperlänge und Umfänge konfiguriert habe. Die Schultern waren oft das Problem, aber auch viele andere Merkmale wie z.B. mein Hohlkreuz. So habe ich die Puppe eine Weile dafür verwendet, meine Kleider aus Jersey auf Facebook zu zeigen, bis sie im Keller landete und seitdem vermisse ich sie nicht.

Methoden


Schon seit ein paar Jahren sehe ich überall im Internet Anleitungen zum Selbermachen einer Schneiderpuppe, die der eigenen Figur zu 100% entspricht. Natürlich ist die Idee, einen Zwilling von sich zu haben, sehr interessant. Allein aus dem Grund, dass die Schnittanpassungen, insbesondere im Rückenbereich, deutlich einfacher werden.

Nach meiner Beobachtung der Szene der selbstgemachten Schneiderpuppen kann ich sie in folgende zwei Gruppen Unterteilen:
  • Körperabformung mit Gips und danach Ausgießen mit einer Gussmasse
  • Körperabformung mit Gewebeband und Ausstopfen mittels Füllmaterial, z.B. Füllwatte
Neulich habe ich mir einen Videokurs auf Russisch gekauft. Ich muss erwähnen, dass ich das meiste meiner Nähkenntnisse über solche Videokurse bezogen habe. Ich wollte etwas Neues lernen und so bin ich über einen Moulage-Kurs eines russischen Schneiders im Internet gestolpert. Moulage, oder auch Draping oder Modellieren genannt, ist eine Technik zur Entwicklung von Kleidungsmodellen. Der Schnitt wird nicht durch Maßnehmen und Konstruieren auf dem Rechner/Papier entwickelt, sondern der Stoff wird direkt an dem Modell (Schneiderbüste) gesteckt. Immer wieder sieht man diese Technik in den Videos bekannter Modehäuser. Die Methode ist auch schon ein paar Jahrhunderte alt :).

Die Schwierigkeit von so einer Methode ist natürlich das Mannequin. Irgendwo muss man ja stecken und an sich selbst geht das ziemlich schwer. Man kann an einer gekauften Puppe stecken, die Schnitte werden aber nicht genau und in meinem Fall z.B. an den Stellen um die Schultern nicht passen. So wird im Kurs empfohlen eine eigene Schneiderbüste zu bauen, basierend auf der Gipsmethode.

Nachdem ich das Video zur Gipsmethode anschaute, habe ich verstanden, dass sie sehr zeitaufwändig und auch teuer (Gießmaterial) ist. Ich habe noch nie sowas gemacht. Deswegen habe ich mich für die leichtere Methode mit Gewebeband entschieden. Mal für den Anfang. Außerdem gibt es im Internet viele Anleitungen dafür.

Mein Versuch


Eine der Anleitungen findet man hier, deswegen erspare ich mir hier die Beschreibung des Entstehungsprozesses. Ich habe 2 Rollen à 50 Meter Gewebeband fast komplett aufgebraucht. Das Wickeln und Kleben hat ca. 1 Stunde gedauert. Wir haben 2 Schichten gemacht. Hier sind die Bilder von der 1. und 2. Schicht. Ich fand die weiße Farbe schöner, deswegen wollte ich sie oben haben.
Schneiderbüste nach Maß

Nach dem Kleben wurde die Hülle am Rücken geschnitten, ausgezogen und dann wieder zusammengeklebt. Die Arm- und Halslöcher haben wir vor dem Ausstopfen zugeklebt. Als Füllung habe ich Kissenfüllung von 2 großen (50cm x 50cm) und 4 kleinen (35cm x 35cm) Kissen vom Möbeldiskounter genommen. Nachdem die Puppe schon in Form gebracht wurde, ist meinem lieben Helfer aufgefallen, dass die Puppe im Bauch etwas dicker als ich ist. Das Messen des Taillenumfangs hat das bestätigt: 4 cm Unterschied. Aus Angst, mir die Luft “zuzudrehen” wurden die Bänder im Brust/Bauchbereich nicht so straff geklebt. Wie mir gesagt wurde, war die Puppe eine leicht schwangere Version von mir.

Zum Glück lässt sich so eine Klebebandschicht leicht korrigieren. Die Puppe muss einfach am Bauch operiert werden. Man kann zum Beispiel 4 senkrechte Einschnitte im Bauchbereich machen und die Teile im Taillenbereich jeweils 1 cm übereinander legen. So wird die Taille dünner. Diese Anpassungen habe ich allerdings nicht gemacht. Eines Tages ist meine Schneiderpuppe explodiert. Um die Fältchen rauszubekommen, habe ich sie anscheinend zu fest befüllt. Das macht eigentlich nicht viel Arbeit und ich könnte sie einfach wieder zusammenkleben. Ich entschied aber, keine weitere Zeit in sie zu investieren und sie nicht mehr zu verwenden, weil sie meine Erwartungen sowieso nicht ganz erfüllt hat.
Schneiderbüste nach Maß

Fazit


Meine selbsterstellte Puppe hat schon einen Riesenvorteil gegenüber der gekauften: ich kann sie für Schnittanproben und Anpassungen verwenden. Sie entspricht der Form meines Körpers und auch grob den Maßen. Ich bezweifle aber, dass ich die Puppe für Moulage (Draping) verwenden kann. Im Brustbereich ist sie doch eine viel zu grobe Approximation von mir, was präzises Modellieren wahrscheinlich nicht zulässt. Deswegen steht im Titel dieses Posts "Erster Versuch". Wenn ich wirklich einen Zwillingkörper von meinem haben will, komme ich an der Bildhauerei mit Gips nicht vorbei. Um ehrlich zu sein, haben wir damit schon angefangen. Mein treuer Helfer, der auch mein Maßnehmer, Abstecker, Bandkleber und Fotograf ist, hilft mir diesmal auch. Alleine ist so etwas einfach nicht machbar. 

Das Erlernen der Moulage wird aber kein schneller Prozess und momentan kann ich gar nicht sagen, ob es meins ist :) Die Schneiderpuppe, wenn sie uns gut gelingt, wird aber für viele andere Zwecke einsetzbar sein. Ich bin schon sehr gespannt und freue mich enorm auf das Ergebnis. Also, die Fortsetzung folgt...

Habt ihr Erfahrung oder nützliche Links zum Thema selbstgemachte Schneiderpuppe oder Moulage? Ich freue mich über eure Gedanken in den Kommentaren.

Donnerstag, 31. August 2017

Ein Retrokleid mit Schleife


Als ich die Augustburda bekam, habe ich mich in den Coverschnitt sofort verliebt. Das herbstliche Flavour von der gesamten Kollektion und dieses Kleides hat mich begeistert und deshalb, wie so oft, wollte ich dieses Modell dann auch so schnell wie möglich haben.

Den passenden Stoff für so ein Kleid zu finden ist nicht einfach. Da ich kein Polyester wollte, blieb mir nicht viel Auswahl: ein Viskosekrepp sollte es sein. In den Geschäften, in denen die Stoffinhalte nicht auf die Stoffrollen geschrieben sind, hatte ich keine Chance. Wie unterscheidet man zwischen Polyester- und Viskosekrepp, ohne einer Brennprobe? Bei einem Baumwollstoff kann ich das noch relativ gut nach Gefühl abschätzen, aber bei Viskosekrepp…

Zu meinem Glück hat Alfatex immer einen kleinen Vorrat an “Designerstoffen aus der Konfektion”. Und mein Glück, dass ich ein Alfatex in der Nähe habe. Dazu gab es noch eine Rabattaktion, so dass ich mir ein paar Viskosekreppstücke zu einem ziemlich niedrigen Preis sichern konnte. Ich bin kein Mensch für eine Schnäppchenjagd, dieses Mal hat es sich aber so ergeben.

Der angegebene Stoffverbrauch ist 2,5 Meter, ziemlich viel für ein Kleid. Der Verbrauch ist durch die relativ große Länge der Schleifen, die im schrägen Fadenlauf zugeschnitten werden, bedingt. Dazu kommen die ganzen Kräuselungen, lange Ärmel, Manschetten usw. Ich habe insgesamt ca. 2,3 Meter Stoff gebraucht.

Im Zuschnitt ist so ein Viskosekreppstoff sehr schwierig. Der Print ist streifenartig. Als ich den Stoff auf dem Tisch liegen hatte, haben die Musterstreifen Wellen gebildet. Es hat sehr viel Mühe bereitet, sie zueinander parallel zu kriegen. Und auch die doppelte Stofflage hat sich als nicht empfehlenswert herausgestellt. Die untere Lage hat sich unerwünscht verhalten, so dass man dann das zugeschnittene Teil nicht mehr verwenden konnte. Zum Glück ist es mir an einem kleinen Teil, der Blende, passiert, und der Stoff hat für einen neuen Versuch gereicht. Wie ihr vielleicht sehen könnt, habe ich das Muster mal wieder nicht angepasst. Ich war mit den Wellen so beschäftigt, dass ich ganz vergaß, die “Streifen” vorne und hinten aneinander anzupassen. Das fällt aber meiner Meinung nach nur auf den zweiten Blick auf :) Irgendwann werde ich schon aus meinen Fehlern gelernt haben und achte dann intuitiv aufs Muster.

Nachdem alles zugeschnitten wurde, ging das Nähen ziemlich leicht. Der Schnitt ist locker, weswegen ich ihn gar nicht angepasst habe. Ich habe auch diesmal aufs Futter verzichtet, damit ich die Leichtigkeit, die so ein Schnitt hat, nicht wegnehme. Stattdessen trage ich ein leichtes Unterkleid und es scheint nichts durch. Ich habe mir auch ein kleines Stück Seide gesichert, um ein richtig edles Unterteil für solche Kleider zu nähen. Seide fühlt sich am Körper besonders gut an.

Der Schnitt ist nicht sehr gewöhnlich, die Kräuselärmel mit Manschetten und Knöpfen verarbeite ich nicht jeden Tag. Was ich aber an dem Schnitt interessant finde, ist die Reißverschlusslösung. Der Reißverschluss ist seitlich eingearbeitet und geht nicht bis nach oben zur Achsel sondern endet an der Taille. Die obere seitliche Naht ist aber nicht zu, denn sonst könnte man das Kleid gar nicht anziehen, sondern hat einen Verschluss mit drei eingenähten Druckknöpfen. Nach der kurzen Überlegung habe ich verstanden, dass der Reißverschluss, der bis nach oben gehen würde, die seitliche Naht an so einem feinen Stoff versteift. Deswegen hat das Kleid oben einen Druckknopfverschluss, den ich auch besonders retro finde :)

Die Meinungen zu diesem Kleid gehen in meiner Bekanntschaft auseinander. Manche finden es toll, andere “altbacken”. Auch ich bin mir nicht ganz sicher, was ich von diesem Kleid halten soll. Beim Tragen fühlt es sich sehr leicht und angenehm an. Der Stoff knittert sehr, was von Viskose zu erwarten ist, doch durch das Muster wird das kaschiert. Ich finde die Schleife und die Raffungen sehr feminin und fühle mich schon ein bisschen in die Vergangenheit zurückgeworfen. Ich glaube, dass ich das Kleid im frühen Herbst noch öfter tragen werde. Vielleicht wird es sich gut mit meinem geplanten und noch nicht genähten Trenchcoat kombinieren lassen.

 Stoff: Viskosekrepp vom Alfatex Weiterstadt
Schnitt: Modell 115A aus Burda Style 08/2017, hier als Downloadschnitt
Fotos: meine

Es wird mich freuen, wenn ihr mir eure Meinungen zu diesem Schnitt und meiner Interpretation schreibt. Seit kurzem habe ich auch eine Facebook- und Instagrampräsenz. Die Links findet ihr auf der rechten Sidebar.

Heute ist Donnerstag und ich bin bei RUMS zum ersten Mal dabei :)

Montag, 21. August 2017

Mein Outfit für eine festliche Angelegenheit


Schon vor einigen Monaten wurden wir zu einer Hochzeit eingeladen, und nicht nur zu irgendeiner, sondern einer aus dem engen Familienkreis. Dass ich mein Gastkleid selber machen werde, war von Anfang an klar. Die Gelegenheit, etwas schick aussehendes zu nähen, konnte ich mir nicht entgehen lassen. Allein die Auswahl des Modells hat viel Freude bereitet. In Betracht kamen Kleiderschnitte, die ich immer wieder bei Burda bewunderte, doch als “nicht alltagstauglich” aus meiner TODO-Liste ausgeschlossen habe.

Das Modell 122 aus Burda Style 4/2016 fiel mir sofort auf, nachdem ich das Heft aus meinem Briefkasten zog und kurz durchblätterte. Diese Ausgabe finde ich besonders gelungen, mein Jumpsuit in dunkelrot stammt auch daraus. Und auch hier habe ich das Modell in der Farbe schön gefunden, die auch im Heft präsentiert ist. Ein kühler puderrosa Farbton kombiniert sich wunderbar mit weichen Drapierungen am Kleid und verleiht dem eleganten Kleid eine gewisse Leichtigkeit. Ich habe sogar den Stoff sofort gekauft. Nur musste der Stoff ein Jahr lang warten, weil ich keine Gelegenheit sah, so ein Kleid anzuziehen.

Der Oberstoff ist eine Art Krepp, vermutlich Polyester. Als Futter habe ich mich für einen farblich passenden Satin mit Seidentouch künstlichen Ursprungs entschieden. Pure Chemie, für mich ganz untypisch, aber in diesem Fall war sie notwendig, weil ich mich damals noch nicht an Seide rantraute.

Das Kleid ist wirklich nicht schwer zu nähen. Der Stoff verzeiht sehr viel, ist leicht elastisch und fällt schön, so dass kleine Passformungenauigkeiten gar nicht auffallen. Trotzdem habe ich am Anfang die übliche Schnittanpassung gemacht. Nachdem ich mir überall im Internet Kleider anschaute, die nach diesem Schnittmuster genäht wurden, habe ich entschieden, dass der Halsausschnitt - meine übliche Gefahrenstelle - wahrscheinlich angepasst werden muss. So habe ich beim Ausschneiden des Futters die Nahtzugaben im Bereich des Ausschnitts etwas größer gelassen. Ich habe das Futter geheftet und nötige Anpassungen gemacht, die ich danach auf den Schnitt des Oberkleides übertragen habe. Das restliche Zusammennähen ging einfach. Mittlerweile habe ich genug Erfahrung mit ärmellosen gefütterten Kleidern, bei denen das Versäubern der Hals- und Armausschnitte wahrscheinlich das Schwierigste ist. Der Knoten hat sich gut nach der Anleitung nähen lassen.

Die letzten zwei Jahre war es im August unerträglich heiß. Die Stoffe, die ich verwendet habe, waren synthetisch, deswegen habe ich mir Sorgen gemacht, dass ich bei der Sommerhitze in diesem Kleid wie in einer Plastiktüte schwitzen werde. Das Wetter wechselte aber kurz vor dem Hochzeitstermin von heiß auf kühl. Ich brauchte dringend etwas zum Drüberziehen. In meinem Schrank fand ich mehrere Jacken, doch waren sie alle entweder farblich oder vom Stil her nicht so passend. So ist die Entscheidung gefallen, ein paar Tage vor dem Termin ein einfaches Bolerojäckchen dazu zu machen. Ich habe mich für das Modell #6645 aus der Burda Style Frühjahr/Sommer Kollektion 2016 entschieden.
Der Oberstoff meines Kleides war im Geschäft, in dem ich ihn ursprünglich gekauft habe, noch vorhanden. Mein Glück, dass solche Abendkleidstoffe nicht so schnell ausverkauft werden. Das Futter habe ich nach dem Durchsuchen des Lagers zusammen mit der Verkäuferin leider nicht mehr gefunden. So bin ich auf meine erste Erfahrung mit Seide gekommen: der Seidensatin, der im Stofflager in mehreren Farben für 18 Euro pro Meter vorhanden war, hat als Futter für mein Jäckchen am Besten gepasst. Ich habe 90 cm davon genommen, es hat locker gereicht.

Wenn ich den Bolero komplett aus dem Oberstoff des Kleides gemacht hätte, hätte ich wahrscheinlich wie eine rosafarbene Wolke ausgesehen. Der Stoff ist so matt, dass er ohne Drapierungen oder Verzierungen sehr langweilig aussieht. So bin ich auf die Idee gekommen, ihn mit einer farblich passenden Spitze zu schmücken. Die Spitze habe ich mit dem Oberstoff wie eine Stofflage verarbeitet.

Für die Schnittanpassung der Jacke hat die Zeit nicht mehr gereicht und ich habe sie auf einen Schuss fast ohne Anprobe genäht. Gepasst hat sie sehr gut, wobei ich sagen muss, dass man bei so einem Modell nicht viel verkehrt machen kann. Das Seidenfutter zu nähen war ein bisschen knifflig, aber nach der Kurzausbildung im Internet war ich theoretisch bestens vorbereitet. Die Seide fühlt sich sehr angenehm an. Ich glaube, dass dieses Jäckchen nicht das letzte Kleidungsstück gewesen sein wird, dass ich mit Seide gefüttert habe. Mal schauen, wie die Jacke das Waschen in der Maschine übersteht.

Auf den letzten Drücker habe ich mir noch eine passende Clutch nach der Anleitung von Pattydoo genäht. Das schien mir einfacher als nach einer passenden Farbe zu suchen und extra eine zu kaufen. Obwohl so eine Clutch nicht schwer zu nähen ist, habe ich in der Eile viele kleine Fehler gemacht, so dass die Tasche wirklich selbstgenäht aussieht. Trotzdem habe ich dafür viele Komplimente erhalten und zum Glück wollte keiner die Tasche aus der Nähe sehen. Vom Stoff her ist das keine große Investition gewesen. Deswegen werde ich nicht traurig sein, falls diese Tasche so ein Einwegartikel war und ich mir nächstes Mal, wenn ich das Outfit trage, etwas anderes überlege.

Mein Outfit ist auf der Hochzeit sehr gut angekommen. Nur wenige Leute wussten, dass es selbstgemacht ist, trotzdem habe ich viele Komplimente fürs Gesamtoutfit erhalten. Mit so einer Farbe besteht immer die Gefahr, vom Aussehen her “zu nah” an die Braut zu kommen. Da unsere Braut ein richtiges weißes Brautkleid mit Schleier, Schleppe und allem, was dazu gehört, getragen hat, habe ich mir erlaubt, diese hellrosa Farbe anzuziehen. Meiner Meinung nach würde dieses Outfit auch gut als Brautoutfit für die standesamtliche Trauung durchgehen. Unkompliziert zu nähen und bequem zu tragen, ist es absolut weiter zu empfehlen. 

Schnitt Kleid: Burda style 4/2016 Mod. 122, hier als Downloadschnitt
Schnitt Jacke: Burda Style Frühjahr/Sommer Kollektion 2016, Schnitt #6645
Schnitt Tasche: Bowie in XXL von Pattydoo

Stoffe Kleid:
Oberstoff: Polyesterkrepp in Puderrosa
Futterstoff: Polyestersatin mit Seidentouch in Puderrosa

Stoffe Jacke:
Oberstoff: Polyesterkrepp in Puderrosa mit Spitze obendrauf
Futterstoff: Reinseidensatin in Puderrosa
Stoffe Tasche: Reste von der Jacke, verstärkt mit Decovil Light und Vlieseline G 630

Alle Stoffe bis auf die Spitze gekauft bei Das Stofflager in Griesheim (link)
Spitze von Alfatex

Fotos: meine
Schuhe: Tamaris

Montag, 31. Juli 2017

Ein Jumpsuit aus leichtem Viskosestoff


Mit unserer Urlaubsplanung waren wir dieses Jahr etwas spontan. Keine Woche im Voraus wusste ich, dass wir an die französische Riviera fahren. Das war mein erstes Mal dort und ich fand es wunderschön.

Im letzten Post habe ich euch schon ein Jumpsuit gezeigt. Ich habe ihn auch in der Burda-Community gepostet. Beim Stöbern über die anderen Communitykreationen bin ich über diese gestolpert. Noch ein Jumpsuit :) Im Heft ist er in Unifarbe verarbeitet, mir gefiel aber die gemusterte Version sehr gut. Und irgendwie kreiste bei mir der Gedanke im Kopf, dass dieses Modell für einen Tagesausflug in Frankreich gut passen würde. Später habe ich noch diese und diese Variante aus Viskosejersey gesehen. Ich wollte dieses Mal aber ein sehr leichtes Material verarbeiten und habe dafür einen Viskosemusselin mit Palmenblätterprint von Dawanda* genommen.

Für meine Verhältnisse war dieses Projekt relativ schnell umgesetzt. An Arbeitstagen kann ich höchstens eine Stunde abends ins Nähen investieren. So habe ich am Dienstag den Stoff gekauft und das Schnittmuster abgepaust, am Mittwoch zugeschnitten, am Donnerstag geheftet und anprobiert, um die notwendigen Korrekturen durchzuführen. Am Freitagabend und am Samstag habe ich dann den Anzug fertiggenäht. Am Sonntag ging es los nach Frankreich :)

Die Posts von Nokiko und Claudi292 haben mich verunsichert, was die Passform angeht. Die Dame mit einer Körpergröße von 160 cm fand das Modell zu kurz... Da ich 8 cm größer bin, wusste ich, dass auch ich mit hoher Wahrscheinlichkeit verlängern muss. So habe ich an beiden Teilen des Oberteils und oben am Hosenbund eine größere Nahtzugabe hinzugefügt, jeweils 2,5 cm. Nach der Anprobe entschied ich, jeweils 1 cm aus der Nahtzugabe des Oberteils und Passe rauszulassen. Das entspricht insgesamt 2 cm Verlängerung. Dazu habe ich die hintere Hosenmittelnaht um 1 cm verlängert. "Schrittfreiheit" nennt man das, falls ich mich nicht irre, sehr wichtig bei nicht dehnbaren Stoffen. Die Hose war wie immer zu lang. Ich habe sie um 7 cm gekürzt. Und das war's, in der Breite hat der Overall sehr gut gepasst.




In der russischen Burda-Community haben die Leute das Modell nicht so schön gefunden. Es gab mehrere Kommentare, dass die Raffung auf der Brust und die horizontale Teilung sehr auftragen. Ich kann diese Meinung gar nicht teilen. Ich finde, dass ich in dem Overall kein bisschen dicker aussehe, maximal so, wie ich bin :)

Den Jumpsuit habe ich im Urlaub sehr gerne getragen. So gerne, dass ich ihn noch per Hand gewaschen und an der Sonne getrocknet habe. Obwohl ich genug andere Kleider dabei hatte, habe ich den Anzug mehrmals anziehen wollen.

Die leichte "kalte" Viskose hat sich bei +35 Grad sehr angenehm angefühlt. Die Hosenbeine sind breit genug, um genug Durchluftung unter der Meeresbrise zu bieten. Auf den Fotos sieht man teilweise, dass es in der Nähe vom Meer relativ windig war.

Bei unserem Tagesausflug nach Monaco habe ich mich auch neben dem dortigen Publikum gut angezogen gefühlt. Ich stand vor den Designergeschäften und habe die Frauen beobachtet, die mit vollen Einkaufstaschen rausgingen. Die passenden Männer warteten draußen. Ich habe die Kleidermodelle durch die Glasfenster beobachtet. Ihre Preise habe ich nicht gesehen, doch mir vorstellen können, dass es keine 50-Euro-Teile waren. Ich fand mein Outfit an dem Tag keinesfalls schlechter oder "billiger". Ich war froh, zu erkennen, dass ich mittlerweile ziemlich jedes Kleidermodell nachnähen kann.

Das Post wollte ich im Urlaub verfassen, doch dafür fehlten mir die Zeit und Ruhe. Inzwischen bin ich froh, wieder in gewohnten Umgebung in Deutschland zu sein und mich meinem Lieblingshobby weiter widmen zu können. Das Wetter ist auch hier sehr angenehm geworden.

Schnitt: Modell 111 aus Burdastyle 6/2017, auch als Downloadschnitt verfügbar
Stoff: Viskosemusselin von Dawanda*
Fotos: meine

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Mittwoch, 12. Juli 2017

Modernes Retro: ein Jumpsuit


Als ich vor ein paar Jahren den Jumpsuit in den Schnittmustermagazinen sah, war meine Reaktion “Oh neee, sowas werde ich nie tragen”. Obwohl ein Jumpsuit zur Mode der 70er gehört, standen die Bilder aus den 80ern-90ern vor meinen Augen: Frauen in neonfarbigen Overalls, Dauerwelle, die mit Haarlack fixiert ist, und natürlich hellblauen Lidschatten. “Neee, das ist das krasse Gegenteil von dem, wie ich aussehen will”, dachte ich.

Aber die Magazine waren sehr penetrant: fast jeden Monat tauchte in dem einen oder anderen Heft eine neue Variation des Jumpsuits auf. Eines Tages in 2016, als ich die Aprilausgabe des Burda-Magazins meinem Postfach entnahm, habe ich ihn gesehen: den Einteiler aus einem weichen Viskosejersey, mit breitem Bein und offenen Rücken. Der Anzug in der weinroten Farbe sah unglaublich elegant aus. Ich musste ihn unbedingt haben :)
Vom Schnittabpausen bis zum Fertignähen ist mehr als ein Jahr vergangen. Teilweise lag es daran, dass so ein Jumpsuit nicht zu den Alltagskleidungsstücken zählt, man “braucht” sowas nicht. Der Nähprozess selbst hat bei mir auch etwas gedauert. Nach dem Zuschneiden und Probeheften lag das Teil monatelang als UFO (Unfinished Object) im Schrank. Die vielen Anpassungen, die ich machen musste, haben meiner Motivation Grenzen gesetzt. Da ich den Suit unbedingt hier in meinem neuen Blog zeigen wollte, habe ich entschieden, ihn fertig zu machen, und bereue diese Entscheidung auf keinen Fall.


Meist bin ich mit meiner Körpergröße von 168 cm bei Burda und den anderen gut aufgehoben. Die Schnitte in Normalgrößen sind genau für diese Größe entwickelt. Leider gab es den von mir gewählten Overall nur in Kurzgrößen: 18 bis 21 für Frauen, die 160 cm groß sind. Das hieß, dass ich den Schnitt in der Länge anpassen musste. Da das meine erste Erfahrung mit Kurzgrößen war, wollte ich auf Nummer sicher gehen, und habe dem Oberteil und der Hose im Hüftbereich jeweils 4 cm dazugegeben. Das hat die 8 cm Größenunterschied zwischen “normal” und “kurz” kompensiert.

Bei der ersten Anprobe hing der Schritt ziemlich tief. So eine Art Haremshose :) Ich konnte die zusätzlichen Zentimeter von der oberen Hosenkante sofort abschneiden.

Obwohl das Oberteil locker über dem Bund hängen sollte, war es nach meiner Verlängerung auch viel zu lang. Von mir wurde es nur unten verlängert. Der Halsausschnitt und die Armlöcher des Originalschnitts waren für mein Geschmack viel zu tief. Deswegen habe ich das Oberteil oben an den Schultern wieder um 4 cm gekürzt.

Ich habe mich nach der Maßtabelle für die Größe 21 entschieden und musste unten an den Seiten doch ziemlich viel wegnehmen. Insgesamt habe ich im Taillenbereich 10 cm weggenommen, sonst hätte der Jumpsuit gar nicht gehalten. Die Hosenbeine sind sehr breit, ich habe sie jeweils um 2 cm verschmälert. 

Insgesamt habe ich das Nähen dieses Modells nicht als leicht empfunden. Schon beim Zuschneiden hatte ich meine Probleme, weil ich viel zu wenig Stoff hatte. Das ist natürlich meine eigene Schuld. Ich hatte nur ein 180 cm langes Stück zuhause und musste tricksen, um alle Schnittteile draufpacken zu können. Auf die Taschen habe ich dann verzichtet :) 

Die viele Schnittanpassungen und Anproben haben den Nähprozess in die Länge gezogen. Am Anfang sah der Overall gar nicht gut aus, und ich habe gezweifelt, ob so ein Einteiler überhaupt etwas für mich sein kann. Viskosejersey ist auch nicht so leicht zu nähen, insbesondere wenn man einen Reisverschluss einarbeiten muss. Weil eine so breite Hose aus einem so schweren Material doch einiges am Gewicht hat, muss der Bund sehr stabil sein. Viskosejersey ist aber alles andere als stabil, deswegen wird im Magazin auch empfohlen, ein Gummi auf die Bundnaht anzunähen. Statt eines einfachen Gummis habe ich Framilastik (link) in der 6-mm-Breite genommen und finde diese Lösung richtig schön. Die Stabilität hat sich deutlich gebessert und die Naht ist nicht dicker geworden.

Ich muss sagen, dass ich von dem Ergebnis jetzt richtig begeistert bin. Vielleicht ist es die Farbe? Den dunkelroten Ton mag ich auch sonst sehr gerne.

Das Modell ist dafür gedacht, es ohne BH zu tragen. Zu den 70ern würde es richtig gut passen. Ich habe neulich ein interessantes Interview mit einem sowjetischen Model, Ewgenija Kurakina, gelesen, in dem sie sagt: “[...] Und in den siebziger Jahren haben wir derart kurze Röcke und derart hohe Plateauschuhe getragen, so hoch, dass es uns heute nichts mehr als gewagt erscheint. In Moskau wurde ich einmal von einem Milizionär angehalten, weil ich in ein rotes transparentes Batisthemd gehüllt war und keinen BH trug.” (Quelle)

Es ist 2017 und ich bin auch leider nicht mehr 16. Deswegen traue ich mir nicht zu, irgendwo mit offenem Rücken und ohne BH aufzutauchen. Als Lösung habe ich ein BH mit Frontverschluss und Rückenverzierung genommen. Einfach, weil ich mich so sicherer fühle. Ich finde, das lässt sich so tragen, oder?

Wie ich oben schon geschrieben habe, ist so ein Overall kein Alltagsteil. Für mich ist er definitiv nichts für die Arbeit. Aber vielleicht für eine Sommercocktailparty? Schade, dass ich so selten auf so eine Party eingeladen bin… 

Trotz allen Schwierigkeiten mit diesem Overall, habe ich schon ein anderes Modell ins Auge gefasst und suche brennend nach dem passenden Stoff. Das Modell 121 aus Burda 4/2017 aus Rippenjersey ist, meiner Meinung nach, auch ein absoluter Hingucker.

Was denkt ihr von Overalls generell? Habt ihr welche im Schrank? Wann werden sie bei euch ausgeführt?

Stoff: Viskosejersey in Bordeaux von AfS (Partnerlink)
SM: Modell 112A aus Burda 04/2016 oder als Downloadschnitt.
Fotos: meine

Verlinkt bei AfterWorkSewing.