Montag, 18. September 2017

Schneiderbüste selber machen: erster Versuch

Schneiderbüste nach Maß




UPDATE: hier geht es zur zweiten, gelungenen Version der Schneiderpuppe.

Früher oder später kommt man als Hobbyschneider am Thema Schneiderpuppe nicht vorbei. Auf dem Markt gibt es eine ganze Palette Puppen in allen möglichen Größen und Qualitäten. Es gibt sogar etwas teurere verstellbare Varianten und die, die man in Hosen kleiden kann.

Motivation


Seit ein Paar Jahren bin ich eine stolze Besitzerin einer verstellbaren Schneiderpuppe vom Prym mit Hosenfunktion (Prymadonna Multi). Doch benutzt habe ich sie kaum und seit meinem Umzug vor einem Jahr steht sie bei mir im Keller. Warum es so ist, erkläre ich gleich.

Wofür kann eine Schneiderpuppe gut sein?
  • um die genähten Kleider zu zeigen, z.B. auf dem Blog
  • um Schnittanpassungen zu machen
  • um Schnitte zu konstruieren, z.B. durch Draping
Meine gekaufte verstellbare Puppe hat von diesen drei Funktionen nur die erste erfüllt, und auch diese nur zu einem bestimmten Grad.

Seitdem ich mich mit Schnittmusterkonstruktion beschäftige, verstehe ich besser, dass wir alle sehr verschieden gebaut sind. Die Unterschiede liegen nicht nur in Konfektionsgröße und Umfängen, sondern in allen möglichen so genannten 3D-Maßen, wie z.B. Schulterneigung, Brusthöhe, Rückenlänge, Rückenbreite usw. Im Post über mein selbst konstruiertes Etuikleid habe ich die Geschichte des Entstehens eines körperengen Schnittes erzählt. Ich habe auch erwähnt, dass ich dafür 30 Maße nehmen lassen musste und 3 Probekleider konstruierte.

Die gekauften Puppen, auch wenn sie verstellbar sind, können einfach nicht die dreidimensionale Form jedes Körpers nachbilden. So war es mit meiner Puppe auch. Die Schnitte aus nichtdehnbaren Materialien haben der Puppe immer besser als mir gepasst, obwohl ich sie auf meine Oberkörperlänge und Umfänge konfiguriert habe. Die Schultern waren oft das Problem, aber auch viele andere Merkmale wie z.B. mein Hohlkreuz. So habe ich die Puppe eine Weile dafür verwendet, meine Kleider aus Jersey auf Facebook zu zeigen, bis sie im Keller landete und seitdem vermisse ich sie nicht.

Methoden


Schon seit ein paar Jahren sehe ich überall im Internet Anleitungen zum Selbermachen einer Schneiderpuppe, die der eigenen Figur zu 100% entspricht. Natürlich ist die Idee, einen Zwilling von sich zu haben, sehr interessant. Allein aus dem Grund, dass die Schnittanpassungen, insbesondere im Rückenbereich, deutlich einfacher werden.

Nach meiner Beobachtung der Szene der selbstgemachten Schneiderpuppen kann ich sie in folgende zwei Gruppen Unterteilen:
  • Körperabformung mit Gips und danach Ausgießen mit einer Gussmasse
  • Körperabformung mit Gewebeband und Ausstopfen mittels Füllmaterial, z.B. Füllwatte
Neulich habe ich mir einen Videokurs auf Russisch gekauft. Ich muss erwähnen, dass ich das meiste meiner Nähkenntnisse über solche Videokurse bezogen habe. Ich wollte etwas Neues lernen und so bin ich über einen Moulage-Kurs eines russischen Schneiders im Internet gestolpert. Moulage, oder auch Draping oder Modellieren genannt, ist eine Technik zur Entwicklung von Kleidungsmodellen. Der Schnitt wird nicht durch Maßnehmen und Konstruieren auf dem Rechner/Papier entwickelt, sondern der Stoff wird direkt an dem Modell (Schneiderbüste) gesteckt. Immer wieder sieht man diese Technik in den Videos bekannter Modehäuser. Die Methode ist auch schon ein paar Jahrhunderte alt :).

Die Schwierigkeit von so einer Methode ist natürlich das Mannequin. Irgendwo muss man ja stecken und an sich selbst geht das ziemlich schwer. Man kann an einer gekauften Puppe stecken, die Schnitte werden aber nicht genau und in meinem Fall z.B. an den Stellen um die Schultern nicht passen. So wird im Kurs empfohlen eine eigene Schneiderbüste zu bauen, basierend auf der Gipsmethode.

Nachdem ich das Video zur Gipsmethode anschaute, habe ich verstanden, dass sie sehr zeitaufwändig und auch teuer (Gießmaterial) ist. Ich habe noch nie sowas gemacht. Deswegen habe ich mich für die leichtere Methode mit Gewebeband entschieden. Mal für den Anfang. Außerdem gibt es im Internet viele Anleitungen dafür.

Mein Versuch


Eine der Anleitungen findet man hier, deswegen erspare ich mir hier die Beschreibung des Entstehungsprozesses. Ich habe 2 Rollen à 50 Meter Gewebeband fast komplett aufgebraucht. Das Wickeln und Kleben hat ca. 1 Stunde gedauert. Wir haben 2 Schichten gemacht. Hier sind die Bilder von der 1. und 2. Schicht. Ich fand die weiße Farbe schöner, deswegen wollte ich sie oben haben.
Schneiderbüste nach Maß

Nach dem Kleben wurde die Hülle am Rücken geschnitten, ausgezogen und dann wieder zusammengeklebt. Die Arm- und Halslöcher haben wir vor dem Ausstopfen zugeklebt. Als Füllung habe ich Kissenfüllung von 2 großen (50cm x 50cm) und 4 kleinen (35cm x 35cm) Kissen vom Möbeldiskounter genommen. Nachdem die Puppe schon in Form gebracht wurde, ist meinem lieben Helfer aufgefallen, dass die Puppe im Bauch etwas dicker als ich ist. Das Messen des Taillenumfangs hat das bestätigt: 4 cm Unterschied. Aus Angst, mir die Luft “zuzudrehen” wurden die Bänder im Brust/Bauchbereich nicht so straff geklebt. Wie mir gesagt wurde, war die Puppe eine leicht schwangere Version von mir.

Zum Glück lässt sich so eine Klebebandschicht leicht korrigieren. Die Puppe muss einfach am Bauch operiert werden. Man kann zum Beispiel 4 senkrechte Einschnitte im Bauchbereich machen und die Teile im Taillenbereich jeweils 1 cm übereinander legen. So wird die Taille dünner. Diese Anpassungen habe ich allerdings nicht gemacht. Eines Tages ist meine Schneiderpuppe explodiert. Um die Fältchen rauszubekommen, habe ich sie anscheinend zu fest befüllt. Das macht eigentlich nicht viel Arbeit und ich könnte sie einfach wieder zusammenkleben. Ich entschied aber, keine weitere Zeit in sie zu investieren und sie nicht mehr zu verwenden, weil sie meine Erwartungen sowieso nicht ganz erfüllt hat.
Schneiderbüste nach Maß

Fazit


Meine selbsterstellte Puppe hat schon einen Riesenvorteil gegenüber der gekauften: ich kann sie für Schnittanproben und Anpassungen verwenden. Sie entspricht der Form meines Körpers und auch grob den Maßen. Ich bezweifle aber, dass ich die Puppe für Moulage (Draping) verwenden kann. Im Brustbereich ist sie doch eine viel zu grobe Approximation von mir, was präzises Modellieren wahrscheinlich nicht zulässt. Deswegen steht im Titel dieses Posts "Erster Versuch". Wenn ich wirklich einen Zwillingkörper von meinem haben will, komme ich an der Bildhauerei mit Gips nicht vorbei. Um ehrlich zu sein, haben wir damit schon angefangen. Mein treuer Helfer, der auch mein Maßnehmer, Abstecker, Bandkleber und Fotograf ist, hilft mir diesmal auch. Alleine ist so etwas einfach nicht machbar. 

Das Erlernen der Moulage wird aber kein schneller Prozess und momentan kann ich gar nicht sagen, ob es meins ist :) Die Schneiderpuppe, wenn sie uns gut gelingt, wird aber für viele andere Zwecke einsetzbar sein. Ich bin schon sehr gespannt und freue mich enorm auf das Ergebnis. Also, die Fortsetzung folgt...

Habt ihr Erfahrung oder nützliche Links zum Thema selbstgemachte Schneiderpuppe oder Moulage? Ich freue mich über eure Gedanken in den Kommentaren.

Kommentare:

  1. Die explodierte schneiderpuppe war sicher ein lustiger Anblick.

    In Bezug auf Gipsgießen kann ich dich, dass ist gar nicht so schwer. Und wenn man normalen Baustellengips aus dem Baumarkt holt auch nicht sonderlich teuer. Sollte die Form innen komplett mit Gips gefüllt werden, wird diese sicher sehr sehr schwer. Was man sonst noch beachten sollte das Gips ca 1 Woche oder länger je nach Dicke braucht zum trockenen. Danach staubt der Gips ein bisschen ist aber sonst ein angenehmes Material.

    Lg Sabine

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    1. Hallo Sabine, es freut mich sehr, dass du dich auch für dieses Thema interessierst. Mit Gips oder Beton zu gießen wird problematisch sein, da, wie du schon gesagt hast, die Puppe enorm schwer und hart wird. Ich habe das Volumen von meinem Torso gemessen und kam auf ca. 45 Liter, was bei der Gipsdichte von 2.3 g/cm2 mehr als 100 Kilo ergibt :) So eine Statue kann ich wahrscheinlich dann im Garten aufstellen :) Fehlt nur noch ein Brunnen dazu :)
      Nach einer langen Recherche im Internet kam ich aufs PU Gießmaterial, ein 2 Komponentenschaum mit einer niedriegeren Dichte, also die Puppe wird 4-5 Kilo wiegen und nicht so steif sein. Die negativform habe ich aus Gipsbinden schon gemacht. Die Leute nehmen manchmal Montageschaum als Füllung, der ergibt aber eine lochrige Oberfläche und ist, wie ich so gehört habe, nicht so gesund. Umweltfreundlichkeit ist auch noch ein Punkt.
      Das Aufbereiten einer Gipsform erfordert etwas Arbeit, ich bin immer noch dabei, sie zu schleifen. Ich hoffe, sie wird was...
      LG, Natallia

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    2. So intensiv habe ich mich dem Thema nicht auseinander gesetzt, da ich zwei Schneiderpuppen und ganz zufrieden bin damit, ich verwende sie aber auch nicht zur Schnittanpassung. Mein sozusagen Gipsgafachwissen kommt von der Arbeit, wo ich öfters Gipsformen gieße.

      Die Methode mit dem Gipsbinden hätte ich vermutlich auch gewählt und dann ganz ungehemmt mit Bauschaum gefüllt.

      Ich bin überzeugt deine Puppe wird ganz schick. Kannst du eventuell die Puppe ganz dünn wattierten und dann mit einem schönen Stoff überziehen?
      Lg Sabine

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    3. Ja, genau, das mit dem Wattieren mit dem dünnen Volumenvlies und Beziehen mit einem stretchigen Stoff ist der Plan. Dann können auch kleine Unreinheiten kaschiert werden... Danke für dein Glauben an mein Erfolg, ich berichte hier natürlich, wenn es soweit ist :)

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  2. Das Problem bei dieser Art Formabnahme ist, dass sich das Modell rund zur Kugel formen will, obwohl der Körper ja einen ovalen Querschnitt hat. Im Januar diesen Jahres zeigte ich mein Modell aus Papierklebeband, das ich während der Trocknung aus diesem Grund in einen größeren Karton stellte und die Umgebung lose mit Handtücher ausstopfte. Ich habe es hinterher nicht füllen müssen, da die Pappe starr ist. Einen Standfuß habe ich allerdings nicht, da ich noch keine Idee habe, wie ich einen an die hohle Form anbringen könnte. -Also ich weiß, wieviel Arbeit so eine Büste bedeutet! Viele Grüße Regina

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    1. Du kannst einen Boden aus dünnem Holz oder Pappe machen, einen Kreuz aus 2 Holzstäbe draufschrauben und an dem den Fuss befestigen.

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