Mittwoch, 29. November 2017

Novemberblues und der neue Wintermantel


Wie wahrscheinlich für die meisten von euch, gehört November sicherlich nicht zu meinen Lieblingsmonaten. Die Sonne geht früh unter, und an manchen Tagen habe ich das Gefühl, dass sie erst gar nicht aufgeht. Es wird nicht so richtig hell. Gemütlich finde ich November auch nicht. Die Weihnachtsstimmung ist noch nicht da, obwohl Lebkuchen beim Discounter schon seit August zu haben ist. Ich tendiere auch zu spät zu meiner Winteroberbekleidung wechseln, was dazu führt, dass ich die ganze Zeit friere.

Nähbloggertreff in Köln


Mitte November dieses Jahr war ich auf einer tollen Veranstaltung in Köln - auf dem Kölner Nähbloggertreff. Das war die erste Veranstaltung dieser Art, die ich besucht habe, auch teilweise aus dem Grund, weil mein Blog noch relativ neu ist. Ich habe mich im August angemeldet und als die Zeit gekommen ist, wusste ich nicht so recht, ob ich wirklich hin will. Ich bin doch hingefahren und die Entscheidung überhaupt nicht bereut. Das Wochenende wurde von A bis Z top organisiert, und war für mich sehr erlebnisreich. Ich habe viele interessante Gespräche geführt und viele tolle Leute getroffen. Ich fühle mich jetzt richtig in der Nähbloggerwelt angekommen, was mich weiter motiviert, hier zu posten.

Ich habe tolle Ideen und Inspirationen bekommen. Es gab sogar zwei Workshops. Einen über Materialkunde, oder wie man erkennt, woraus der eine oder andere Stoff besteht. Den Workshop haben zwei Expertinnen in dem Gebiet gegeben, Elke und Constanze. Der andere Workshop handelte vom richtigen Maßnehmen mit dem Profischneider Sebastian Hoofs. Obwohl ich in beiden Themen schon etwas Vorwissen hatte, fand ich beide Workshops für mich äußerst interessant. Auf dem Tauschmarkt habe ich die mir fehlenden Ausgaben von Schnittmustermagazins absolut kostenlos ergattert. Auch ein zuckersüßes Stück Jersey mit Nähmotiven, den Constanze nicht verarbeiten wollte, ich aber gerne, ist bei mir eingezogen. Und natürlich nochmal zu betonen: unersetzbare Kontakte. Alles in einem: es war toll und ich komme gerne wieder :)

Alfatex in Weiterstadt


Gestern habe ich erfahren, dass einer meiner Lieblingsstoffläden vor Ort zugemacht hat: die Alfatex-Filiale in Weiterstadt. Anfang November kam ein Newsletter, den ich natürlich nicht aufgemacht habe, und somit über die Schließung viel zu spät erfuhr. Es hat mich schon etwas erschlagen, weil ich den Laden ziemlich oft besucht habe und mit der Auswahl der Stoffe und Beratung sehr zufrieden war. In meinem nicht all zu kleinem Stofflager zuhause gibt es noch einige Alfatex-Stoffe, die auf ihre Verarbeitung warten. Zu meinem anderen Lieblingsladen “Das Stofflager” in Griesheim war Alfatex eine tolle Ergänzung. Was kann ich sagen… Marktwirtschaft halt...

Der Mantel


Ich glaube, jetzt ist genug Herbstblues… Es gibt eine gute Nachricht: ich habe wieder etwas genäht :). Und schon sogar fleißig getragen. Meinen Übergangsmantel.

Seit Jahren wollte ich mir einen Trenchcoat nähen. Ich habe sogar schon alles da: das Schnittmuster, die Stoffe, das passende Garn, sogar die Knöpfe und Schnallen. Die Menge der Arbeit hat mich aber immer abgeschreckt, und, natürlich, der Mangel an Erfahrung im Oberbekleidungssegment :) Als eine Art Auftakt zu meinem längst ersehnten Trenchcoat entstand dieser Mantel. In vielen Aspekten ein Debut für mich: das erste mal einen Mantel genäht, das erste mal einen Boucléstoff verarbeitet und das erste mal mit einem großen teils asymmetrischem Karomuster gearbeitet. Weil es diesmal so viel Neuland für mich war, habe ich mir den einen oder anderen Fehler erlaubt. Erstaunlicherweise waren es nicht so viele, vielleicht sogar weniger, als bei einem meiner normalen Projekte.

Zuerst waren da das Schnittmuster und der Stoff, sie haben ziemlich schnell zueinander gefunden. Ich habe die Burdastyle-Ausgabe von Dezember 2016 rausgeholt, um mir die Capes anzuschauen, die ich vorher im Internet gefunden habe. Und da war er, der Mantelschnitt, den ich unbedingt haben wollte. Unter der Rubrik “Brit Chic” in einem tollen Karostoff verarbeitet. Die Capes habe ich sofort vergessen und fing an, im Internet nach einem passenden Stoff zu suchen.

Normalerweise kaufe ich die Stoffe vor Ort. In meiner Nähe gibt es mehrere Geschäfte, die sehr viele Stoffe für jeden Geschmack anbieten. So eine Stoffgeschäftrunde tut mir sowieso immer gut. Wie wahrscheinlich viele von euch, kaufe ich sehr gerne Stoffe ein oder verbringe einfach ein bisschen Zeit in einem Stoffladen. Das ist ein guter Ausgleich für den Alltag. Es war Anfang September und es wurde schon ziemlich kühl draußen, trotzdem waren die Geschäfte immer noch im Sommermodus, voll mit Sommerbatist und Viskosejerseys. Kein Zeichen von Wolle.

Meinen Traumstoff habe ich bei stoffe.de gefunden. Ich arbeite mit solcher Farbe nicht oft, bin eher ein Rottonmensch. Dieser Stoff hat es mir aber sofort angetan. Ein Bouclé, der als Mantelstoff bezeichnet wurde, in schwarz mit strahlendem Türkiskaromuster. An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass die Empfehlung von Burda für dieses Modell exakt nach diesem Stoff klang. Auf jedem Schnittteil ist die Position des Karos markiert, was die Musteranpassung erleichtert hat. Das Futter wurde auch direkt auf der Seite als farblich passend empfohlen und landete auch im Warenkorb. Von Neva Viscon Futter habe ich sowieso viel Gutes gehört: reine Viskose, lädt nicht statisch auf und ist vom Griff her etwas hochwertiger. Der Meterpreis des Futters lag auch höher als beim Oberstoff, was mein Vertrauen in dieses Futter weckte.

Es war mir ein Rätsel, wie ich den Oberstoff vor dem Zuschnitt vorbereiten soll. Nämlich, waschen oder nicht waschen? Wenn nicht waschen, dann was? Nach der Internetrecherche wurde ich etwas schlauer, aber auch nicht ganz. Die Empfehlungen den Stoff nicht zu waschen haben darauf basiert, dass der fertige Mantel auch nicht gewaschen werden soll. Also nur chemisch reinigen. Damit war ich nicht ganz einverstanden. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann doch den Mantel selber waschen will. Ich habe alle offenen Kanten des Stoffes mit der Overlock versäubert und ihn in die Maschine in der Stufe “Seide/Wolle” 30% geschmissen. Es hat dem Stoff nicht geschadet. Zusätzlich habe ich das ganze Stück durch ein nasses Tuch von links gebügelt. Falls er irgendwann einläuft, werde ich sauer. Ich habe alles Mögliche getan. Bei so einem Mantelvelours hätte ich vielleicht auf das Waschen verzichtet, und nur mit Dampf gebügelt. So einen Mantel würde ich auch nicht in der Maschine waschen wollen. Aber ein Wollbouclé kann viel ab.

Der Zuschnitt hat zweieinhalb Tage gedauert. Bei der Musteranpassung habe ich einige Fehler gemacht, und, obwohl ich reichlich Stoff hatte, hat er mir für ein kleines Stück am Kragen nicht gereicht. Ich habe noch 50 cm nachbestellen müssen. Der Stoff war nicht teuer, und es war sogar eine versandkostenfreie Aktion von stoffe.de, deswegen ging das problemlos. Wenn man so große Karos anpassen muss, arbeitet man lieber einlagig. Es sind insgesamt 28 Teile, die nur aus dem Oberstoff ausgeschnitten werden mussten. Das ist aber nicht alles, was den Zuschnitt so unglaublich lange und konzentrationsbedürftig gemacht hat. Weil der Stoff aus sehr losen dicken Faden besteht, franst er enorm aus. Ich habe vor dem Zuschnitt alle Nahtzugaben mit Schrägstreifen dünner Vlieseline beklebt. Die ganze vordere Seite wurde komplett mit H 410 beklebt, so ist es auch von Burda empfohlen. Das heißt, ich habe die Vlieseline an den Stoff gesteckt, grob mit Rand ausgeschnitten, aufs Bügelbrett gelegt, gebügelt, dann noch mal am Rand ausgeschnitten, und das 28 mal :) Das war das Schwerste. Gefranst, gefusselt und gestaubt hat der Stoff trotzdem, aber ich denke, weniger, als wenn er unbearbeitet geblieben wäre.

Ich habe im Endeffekt beim fertigen Mantel jede Naht innen auch noch mal mit der Overlock versäubert. Sicher ist sicher. Das Futter ist auch innen versäubert. Die Entscheidung habe ich getroffen, nachdem ich zwei von meinen gekauften Mäntel abgetastet habe und entdeckte, dass bei einem die Futternahtzugaben auch versäubert sind.

Am Schnittmuster habe ich nichts geändert. Mir war von Anfang an klar, dass ich ein Probestück nähen müsste, wenn ich bei dem Modell und Stoff irgendwelche Änderungen hätte machen wollen. Weder Bouclé noch Karo erlauben solche Freiheiten. Ich habe entschieden, dass ein Mantel sowieso nicht so körpernah sein muss, deswegen braucht er auch nicht so viel Anpassung wie z.B. ein Etuikleid oder eine Hose.

Die Schwierigkeit von so einem Mantel ist, dass der Stoff ordentlich dicker ist als gewohnt. Aus unzähligen Nähkursen, die ich online erworben habe, Büchern, Blogs und frei verfügbaren Videos wusste ich schon seit langem, was man mit dicken Stoffen so macht. Mit Nahtzugaben, Ecken, Abnähern usw. geht man etwas anders um: man schneidet alles weg, was zusätzliche Dicke bringen kann. Ich kann nur sagen, dass 4-5 Lagen von so einem Stoff nicht mehr unter den Nähfuss meiner Nähmaschine passen. Erfahrungswert :) Die Nähte an dem Oberstoff sind alle auseinandergebügelt. Bouclé ist ein sehr plastischer Stoff, deswegen mussten die NZ nicht so eng an den Rundungen abgeschnitten werden. Ich hatte sowieso Angst, zu dicht an die Naht zu schneiden, weil der Stoff so sehr franst. An der einen oder anderen Stelle habe ich mich für die Dicke und gegen das Risiko entschieden. Eine professionelle Schneiderin hätte da bestimmt mehr abgeschnitten. Aber was soll ich dann mit einer auseinander gefallenen Ecke? Lieber mit dem Bügeleisen plattbügeln.

Das Bügeln ist natürlich ein Thema für sich. Der Stoff hat sich ziemlich gut bügeln und formen lassen. Ich habe die kniffligen Stellen mit einem Holzbrettchen plattgedrückt, so wie ich es in Couturevideos gesehen und in Foren gelesen habe. Ich habe auch durch ein nasses Mulltuch von links gebügelt, um die Struktur des Stoffes von rechts nicht plattzudrücken. Auch hier habe ich hier und da etwas mehr plattgedrückt als es nötig war, mangels Erfahrung.

Die Säume sind komplett von Hand angenäht. Ich habe eine Diskussion auf Facebook angeleitet, in der sich zahlreiche Leute mit Vorschlägen meldeten, wie man es mit der Maschine macht. Ich denke, Burda empfiehlt nicht umsonst, es von Hand zu machen. Ich kann mir auch kaum vorstellen, diesen schweren Stoff durch die Öffnung in dem dünnen Futter durchzuziehen. Sicher ist sicher. Ich nähe sowieso viel zu wenig von Hand :)

Die Knopflöcher, die meine Maschine auf diesem Stoff gemacht hat, sahen furchtbar aus. Sie wollte ihn von rechts gar nicht transportieren, und nachdem ich oben und unten mit dem Stickvlies unterlegt habe, ging das halbwegs, sah aber ziemlich schlecht aus. Auch von diesem Problem habe ich schon gehört, und es empfiehlt sich, an so einem Stoff die Knopflöcher von Hand zu bearbeiten. Sie sehen besser aus und halten besser.

Da ich noch nie die Knopflöcher von Hand bearbeitet habe, musste ich erstmal üben. Der 50-ger Knopflochgarn hat sich als zu dünn erwiesen, ich habe den Zierstichgarn von Güttermann verwendet. Zum Glück ist die schwarze Farbe nicht schwer zu bekommen. Auch hier habe ich die richtige Technik im Internet und in den Videos zum Buch “Couture Cardigan Jacket” von Claire Schaeffer abgeschaut. Die ersten Knopflöcher sahen schlecht aus, sie wurden aber immer besser. Ich habe insgesamt ca. 10 Probeknopflöcher genäht.

Den Knopflochbereich habe ich mit einer wasserlöslichen aber nicht selbstklebenden Stickvlieseline belegt und mit Handstichen fixiert. Danach habe ich das Knopfloch mit einem Stift markiert und den Bereich mit einem mit der Maschine genähtem Rechteck fixiert. Dieses Rechteck ist auch eine gute Markierung für die Handstiche. Ohne Vlieseline ist schwarz auf schwarz kaum sichtbar, außerdem franst der Stoff sehr stark aus, so dass ein perfektes Nahtbild kaum möglich ist. Ich habe das Knopfloch an der Markierung ausgeschnitten und die Schnittkante sofort mit einem Bastelleim bearbeitet, den ich mit einem Zahnstocher aufgetragen und verteilt habe. Das Garn habe ich mit einem Bienenwachs gewachst. Diese beiden Tricks habe ich aus dem Buch “Couture Cardigan Jacket” gelernt. Das Nähen habe ich aber anders gemacht: ich habe die Nadel nicht von hinten, sondern von vorne reingestochen. Aus den Probeversuchen hat sich diese Vorgehensweise als akkurateste erwiesen. Nach dem ich mit dem Handnähen fertig war, habe ich die Vlieseline rausgerissen und die Reste mit einem nassen Tuch abgetupft. Ich bin mit dem äußeren Erscheinen der Knopflöcher sehr zufrieden. Der Wachs macht sie etwas steif, aber wahrscheinlich auch robust.

Ich bin sehr froh, dass ich mit diesem Projekt nun endlich fertig bin. Es hat für viel Unordnung in meinem Schlafzimmer gesorgt, abgesehen von der Staubsaugaktion, die ich mehrmals am Tag durchführen musste. Der Staub lag überall rum und manchmal hatte ich den Eindruck, dass ich nur diesen Staub einatme.

Die Farbe kam in meiner Bekanntschaft sehr gut an. Etwas frisches, winterliches… Bouclé ist momentan total angesagt, und ich träume schon seit einiger Zeit, oder seit dem Kauf des Buchs von Claire Schaeffer von einem Chanel-couture-Jacket. Aber vielleicht erstmal ein kleines Projekt zur Entspannung…

Schnitt: Burda Style 12/2016, mod. 102, genäht in Größe 40
Stoff: Mantelstoff Boucle in schwarz-türkis und Futterstoff Neva Viscon in türkis, beide von stoffe.de
Fotos: meine

Ich glaube, dass ich mit meinem Mantel bei heutigem MMM etwas aus der Reihe tanze. Alle nähen schon ihre Weihnachtsoutfits und Geschenke. Ich würde auch gerne bei so einem Sew Along teilnehmen, nur, so wie ich mich kenne, werde ich am Ende immer noch viertel vor fertig...

Samstag, 28. Oktober 2017

Meine DIY-Schneiderpuppe: Versuch Nr. 2

DIY Schneiderpuppe

In dem letzten Post habe ich das Thema Maßschneiderpuppe schon etwas motiviert. In diesem Post möchte ich mit euch meine Erfahrung mit der anderen Herstellungsmethode teilen: eine Negativform aus Gips anfertigen und sie mit einem PU-Schaum ausgießen. Diese Methode ist sehr aufwändig und erfordert viel Kraft und Geduld. Das Ergebnis ist aber sehr zufriedenstellend. Endlich habe ich ein Oberkörperduplikat von mir und kann mir schon viele Anwendungen dafür vorstellen.

Als ich den Leuten über dieses Projekt erzählte, kam sofort die berechtigte Frage “Warum?”. Ich möchte mich aber in diesem Post mit der Frage nicht zu beschäftigen, sondern ganz detailliert den Entstehungsprozess beschreiben. Jeder kann für sich entscheiden, ob sich so etwas lohnt. Die entstandene Schneiderpuppe wird in meinen zukünftigen Posts definitiv eine wichtige Rolle spielen. Ich plane, mich demnächst mit Draping etwas näher auseinanderzusetzen.

Recherche


Jedes große Projekt, und dieses war auf jeden Fall groß genug, muss mit einer Recherche beginnen. Ich liebe das Internet: von der Geschwindigkeit, mit der man an Information rankommt, konnten unsere Vorgänger nur träumen. Ich habe auf drei Sprachen nach allen möglichen DIY-Schneiderpuppen gesucht. Wie erwartet, konnte ich die nützlichen Quellen an einer Hand abzählen. Hier sind sie:

Diese Posts haben mir sehr geholfen, Fehler zu vermeiden und Lösungen zu finden. Sie haben mich auch inspiriert, dass das, was ich vorhabe, möglich ist.

Material


Für meine Maßschneiderpuppe habe ich gebraucht:
  1. Gipsbinden: 30 Rollen à 8 cm breit und 3 Meter lang. Ich habe diese verwendet.
  2. 4 Stöcke zum Stützen der Formhälften beim Aushärten.
  3. Alte Unterwäsche und Vaseline zum Einschmieren des Körpers vor dem Vergipsen, ich habe sie bei DM gekauft.
  4. Gipspulver zum Ausbessern der Form. Aus dem lokalen Bastelladen.
  5. Schleifpapier, Spachtel.
  6. Acryllack zum Versiegeln der Gipsform. Aus dem Baumarkt.
  7. Trennmittel, damit der PU-Schaum sich leichter von der Form ablöst. Ich habe diesen verwendet, passend zu dem Schaum.
  8. PU-Schaum zum Ausfüllen der Form. Ich habe Smooth-On FlexFoam-iT V verwendet.
  9. Klebeband, Frischhaltefolie
  10. Standfuß. Ich habe diesen gekauft.
  11. Lycra zum Beziehen der Schneiderpuppe, ca. 1 Meter. Ich habe ihn in meinen unendlichen Stoffvorräten gefunden.
Ganz wichtig: ihr braucht einen geduldigen und treuen Helfer, der euch nicht auf der Hälfte der Strecke alleine lässt. Hier habe ich Glück gehabt, weil mein Helfer im Endeffekt mehr Arbeit investiert hat als ich. Um seine Identität zu schützen, werde ich ihn in diesem Text einfach Schatz nennen :) Also, ohne Schatz kann man dieses Projekt nicht durchziehen.

Negativform aus Gips


Zuerst mussten wir einen Gipsabdruck meines Körpers anfertigen. Das war für mich das Schwierigste, weil ich mehrere Stunden still stehen musste, während Schatz mich von allen Seiten mit Gipsbinden beklebte. Der erster Versuch ist gescheitert. Entweder waren die Gipsbinden von zu schlechter Qualität oder einfach zu alt, oder wir zu unerfahren. Die erste Form war dünn, wollte stundenlang an mir nicht trocknen und hat sich am Ende so stark verzogen, dass wir entschieden haben, sie nicht weiter zu verwenden und eine neue zu machen. Die Hälften der Form lagen zum Trocknen auf dem Boden und der Halsbereich hat sich unter Schwerkraft nach unten bewegt. Um das zu verhindern, haben wir beim 2. Versuch eine Brücke aus Gipsbinden um diesen Bereich herum gebaut. Beim 2. Versuch haben wir andere Gipsbinden verwendet und die Form dicker gemacht: ca. 4-5 Lagen. Obwohl die Form beim 2. Mal schneller trocknete (bessere Gipsbinden?), habe ich die Zeit gestoppt und beobachtet, dass ich insgesamt 4 Stunden lang dafür in meiner natürlichen Körperhaltung stehen musste. Das war eine Herausforderung. Ich stand da an einem sonnigen Samstag und habe daran gedacht, dass die meisten Leute in diesem Moment höchstwahrscheinlich was angenehmeres machen. Ich habe auch gedacht, dass man schon ziemlich verrückt nach dem eigenem Hobby sein muss, um auf so eine Idee zu kommen. Schatz war optimistisch und hat mir seine Zeit und gute Laune einfach geschenkt.

Beim ersten Versuch haben wir den kompletten Oberkörper einfach eingegipst. Danach haben wir versucht, die schon getrocknete Form am Körper in zwei Hälften zu schneiden, um sie abzunehmen. Das war sehr erschreckend, insbesondere im Halsbereich. Ich glaube auch, dass sich die Form beim Schneiden mit einer Verbandsschere etwas verzogen hat. 
DIY Schneiderpuppe
Deswegen haben wir uns entschieden, beim 2. Mal sofort die 2 Hälften getrennt auszuformen. Diese Idee haben wir einem der Blogs (links oben) entnommen. Wir haben aus einem Gewebeband eine “Barriere” angefertigt, die wir an die seitlichen Trennlinien auf meinem Körper geklebt haben. Die Binden hat Schatz von vorne und von hinten bündig an die Barriere geklebt. Das hat relativ gut funktioniert und es war viel leichter, die Form von Körper abzunehmen.

Es ist ein bekannter Fakt, dass man fürs Schneidern alle Maße in der Unterwäsche nimmt, die man auch danach unter der Kleidung tragen will. So ist es auch hier: die Form muss nicht auf vom komplett nackten Körper erstellt werden. Die Unterwäsche wird aber auf jeden Fall durch Gips und Schneiden ruiniert. Ich habe dafür einen ganz alten BH, der aber trotzdem gut saß, geopfert.

Beim zweiten Versuch haben wir den unteren Hüftbereich mit einer Frischhaltefolie umwickelt. Meine Vermutung war, dass es uns hilft, den Bereich besser wie einen geraden Rock auszuformen. Im Nachhinein würde ich davon abraten. Durch die Folie kamen viele Rillen und Kerben in der Form, die wir danach aufwändig abschleifen und zuspachteln mussten. Auch kann es sein, dass die Folie meine Hüftform leicht verändert hat.
DIY Schneiderpuppe

Zum Verstützen der Gipsform beim Trocknen und zum besserem Greifen haben wir je 2 Holzgriffe vorne und hinten mit Gipsbinden befestigt. Wie ich schon erwähnte, haben wir auch die Binden benutzt, um eine Stütze für den Halsbereich gebaut, damit die Form sich beim Trocknen nicht verzieht.
DIY Schneiderpuppe
Ganz wichtig ist es, vor dem Abnehmen der Form, unten rundherum Markierungen in gleichem Abstand zum Boden zu machen. Dafür kann man ein langes Lineal oder einfach einen Stab verwenden. Das hilft später die Schneiderpuppe in eine natürliche Haltung zu bringen. Die Markierungen haben wir mit Acrylfarbe gemacht, die im Gegensatz zu den Filzstiften auf dem halbnassen Gips sichtbar wurde. 

Gipsform nachbearbeiten


Zum Trocknen braucht Gips ein paar Tage. Ich war ganz gespannt, ob die Gipshälften noch in Form geblieben sind, und habe sie grob mit einem Maßband nachgemessen. Wir haben die zwei Hälften aufeinander gelegt, um zu schauen, ob die Ränder bündig sind. Die Hälften haben gut zusammen gepasst, nur an einer Stelle, an der rechten Hüfte, trafen sie nicht aufeinander, sondern es blieb 1-2 cm breiter Spalt. So wie ich es in Erinnerung habe, war das die Stelle, an der wir beim Formabnehmen etwas gezogen haben. Diesen “Defekt” haben wir später korrigiert, indem wir die Form an dieser Stelle etwas nass gemacht haben und in die entsprechende Richtung gezogen haben.

Es blieben viele Unreinheiten von der Unterwäsche und der Folie. Wir haben sie mit Schleifpapier geschliffen und mit der Gipsmasse zugespachtelt. Danach hat Schatz die zwei Hälften mit Gipsbinden aneinander geklebt und den Spalt zugespachtelt. 
DIY Schneiderpuppe
Die Löcher für Hals und Arme haben wir nach der Begradigung der Ränder mit Gipsbinden zugezogen.
DIY Schneiderpuppe

DIY Schneiderpuppe

Es ist ganz wichtig, dass die Form vor dem Ausfüllen mit einer ausreichenden Menge Acryllack versiegelt wird. Das schließt die kleinen Poren im Gips und sorgt dafür, dass das danach verwendete Trennmittel nicht vom Gips aufgesaugt wird. Das Trennmittel kam bei uns direkt vor dem Ausfüllen auf die Form.

Schatz hat irgendwo gelesen, dass man die Gipsform mit einem Trennschleifer wieder auf zwei Hälften schneiden kann, damit man die ausgefüllte Form besser abnehmen kann. Die Idee war, die Gipsform, die so aufwendig angefertigt wurde, beim Abnehmen nicht kaputt zu machen. Schatz hat mit einem Trennschleifer einen sauberen Schnitt gemacht, und vor dem Ausfüllen haben wir die zwei Hälften einfach mit einem Gewebeband und etwas Frischhaltefolie aneinander fixiert.
DIY Schneiderpuppe
Schatz hat die Form auch unten an unseren Farbmarkierungen abgesägt, so, dass wir einen perfekten Boden hatten.
DIY Schneiderpuppe

Ausfüllen der Gipsform


Zum Ausfüllen kann man verschiedene Materialien verwenden. Viele verwenden Bauschaum, was eine bezahlbare und praktische Lösung ist. Ich habe mich im Baumarkt beraten lassen und bin zum Schluss gekommen, dass von all den PU-Schäumen ein 2-Komponenten-PU-Schaum das beste ist.

In einem russischen Forum habe ich erfahren, dass es einen 2-Komponenten-Weichschaum gibt, der sich nicht reinsprühen, sondern reingießen lässt. Der Schaum wird von einer amerikanischen Firma produziert und wird in verschiedenen Bereichen der Kunstgestaltung und der Herstellung von Filmrequisiten angewandt. Nach dem Austrocknen kommt ein etwas weicher gummiartiger Schaumkörper raus, der vom Griff her an ein Antistressball erinnert. Der Schaum ist nicht toxisch und soll sogar für Spielzeuge geeignet sein. Das ist mir auch sehr wichtig, weil die Schneiderpuppe in meinem Schlafzimmer stehen wird.

Die Kosten dieses Schaums haben mich zum Verzweifeln gebracht. Der Bauschaum hätte die Hälfte gekostet. Am Ende war ich aber froh, dass ich mich, nachdem wir so viel Zeit und Mühe in die Gipsform investierten, für das teurere Material entschieden habe. Das Aussehen und die Haptik des amerikanischen Schaums sind ganz anders als bei Bauschaum, was ihn für unsere Zwecke definitiv besser eignet.

In der Spezifikation der Produktreihe Smooth-On FormX Flex habe ich gelesen, dass die Schaumkörper am Ende verschiedene Dichten haben. Nach einem Telefonat mit einer freundlichen Frau aus dem Kundenservice von Kaupo (einem der Vertriebler von FormX in Deutschland) habe ich mich für den zweitvoluminösesten Schaum in der Reihe entschieden: FormX Flex V. Die Frau hat gesagt, dass ich bei diesem Produkt mehr Zeit fürs Mischen und Einfüllen habe, also mehr Kontrolle. Außerdem ist der Schaumkörper am Ende nicht so weich, wie es beim leichteren FormX Flex III der Fall ist.

Es stand nun die Frage im Raum: wieviel Schaum brauche ich? Ich musste die notwendige Menge relativ genau berechnen, weil der Schaum nicht günstig ist und auch nicht einfach so nachzukaufen ist. Er muss bestellt und geliefert werden, die Lieferung hat fast eine Woche gedauert. 

Eine Packung dieses 2-Komponentenschaumes hat ca. 1 Liter Flüssigkeit. In der Beschreibung stand, dass sich der Schaum sich max. um Faktor 11 vergrößert. Man erhält also ca. 11 Liter Schaum aus einer Packung. Wie viel Volumen mein Torso hat, wusste ich nicht. Zuerst habe ich versucht, das Volumen mathematisch aus meinen Umfängen zu berechnen. Es kamen ca. 40 Liter raus. Nach der Recherche im Internet habe ich verstanden, dass die Dichte des menschlichen Körpers der Dichte von Wasser ähnelt. Das Volumen des Körpers kann man also durch das Körpergewicht abschätzen. Wenn ich 63 Kilo schwer bin, dann hat mein Körper ca. 63 Liter Volumen. Und wie viel Anteil hat nun der Torso?

Ein paar Tage später beim Baden kam ich auf eine brillante Idee, die auch Archimedes lange vor mir hatte: das benötigte Volumen kann man durch ein Bad messen. Ich habe die Badewanne gefüllt, mich reingelegt und versucht, nur mein Torso im Wasser zu halten. Schatz hat auf Höhe des Wasserpegels am Rand der Badewanne eine Markierung mit einem Stück Klebeband gesetzt. Danach bin ich ausgestiegen und wir haben mit einem 5 Liter Topf das Wasser bis zur Markierung nachgefüllt und mitgezählt. Es kamen ca. 45 Liter raus :) Also wusste ich, dass ich mindestens 4 Packungen Schaum bestellen musste.

Als endlich alles für das Ausfüllen vorbereitet war, und der Schaum geliefert wurde, haben wir uns ein Samstagnachmittag dafür genommen, um das Projekt zum Ende zu bringen. Auf diesen Moment wartete ich sehnsüchtig.

Ein paar Wochen vorher habe ich zufällig von einer Bekannten, die die Stadt verlassen hat, eine Styroporschneiderpuppe bekommen, die bei ihr im Keller stand. Diese Puppe konnte ich gar nicht verwenden, weil sie mindestens 4 Größen kleiner als ich war. Und den Standfuß für meine neue Maßschneiderbüste habe ich schon separat hier gekauft. Der Standfuß war aber so gebaut, dass ein Metallrohr mit einem kleineren Durchmesser aus der Büste rausguckte, damit man sie an den Fuss montieren konnte. Diesen Rohr wollte ich ursprünglich im Baumarkt kaufen und einfach beim Reingießen in meine Form reinstecken. Da ich aber diese Styroporbüste hatte, haben wir entschieden, ihr Rohr zu verwenden. Es kam uns sehr gelegen, dass das Rohr schon von Styropor ummantelt war. Schatz hat die Puppe mit einem Messer wie einen Döner abgespeckt und nur einen kleinen 3-4 Liter großen Kern rund ums Rohr da gelassen. Immerhin haben wir dadurch auch etwas Volumen gespart, das wir nicht mit dem teureren Schaum ausfüllen mussten. 
DIY Schneiderpuppe
Wir haben einen “Boden” aus Pappe ausgeschnitten und wie einen Deckel auf die Form gelegt. An diesem Boden haben wir auch unsere Styroporkonstruktion befestigt. Danach haben wir die Form mit Klebeband und Frischhaltefolie zusammengebunden und kopfüber an einem Stuhl befestigt.
DIY Schneiderpuppe
Das Ausfüllen mit dem Schaum ging schnell gemäß der Gebrauchsanweisung. Gemischt, gegossen, gewartet bis er fest wurde, neue Portion angemischt, und so weiter. Nach der vierten und letzten Portion blieben noch ca. 7 cm bis zum Rand leer. Ich muss sagen, dass meine Schneiderpuppe sehr lang ist. Ich habe sie nach dem Prinzip “lieber länger als kürzer” gemacht. Wegen des Styroporkerns wollten wir den Rand aber nicht abschneiden und haben ihn mit einem einfachen 1K-Bauschaum ausgefüllt. So konnten wir auch die Qualität der Schäume vergleichen, und ich muss noch mal betonen, dass ich froh war, mich für den amerikanischen Schaum entschieden zu haben. Der Bauschaum hat sich anders benommen. Er hat viel länger gebraucht, um zu trocknen und hat eine sehr poröse löchrige Oberfläche geliefert. Im Prinzip, kann man den Schaum für die ganze Büste verwenden, es gibt genug Leute, die das gemacht haben. Man kann danach die Oberfläche durch Spachteln, Schleifen, und Versiegeln aufwerten. Das alles habe ich beim teureren Schaum nicht machen müssen.
DIY Schneiderpuppe



Letzter Schliff


Wir haben den Schaum ca. 10-15 Stunden über Nacht trocknen lassen und waren ganz aufgeregt zu sehen, wie unsere Schneiderpuppe geworden ist. Zu unserer Enttäuschung, ist der Plan, die Gipsform zu erhalten, in die Hose gegangen. Der Gips hat sich nur schwer gelöst und wir mussten ihn in Streifen abreißen. Den Schaumkörper hat das aber dank des großzügigen Einsatzes des Trennmittels nicht beschädigt. Er sah gut aus, roch fast gar nicht und hatte eine angenehme Haptik.
DIY Schneiderpuppe
Ein Paar sehr kleine Löcher oben und große Löcher in unteren Bereich aus dem einfachen Bauschaum, habe ich mit transparentem Silikon zugeschmiert. Die überstehenden Ränder habe ich mit einem scharfen Teppichmesser abgeschnitten. Es blieb nur der letzte Schliff. Hier war er: mein Körperzwilling.
DIY Schneiderpuppe
Es ist sehr interessant, die eigene Körperform so genau betrachten zu können, insbesondere im Bereich des Rückens. Der Schaumkörper ist schon sehr getreu, ich kann sehr gut meine Schulterblätter und das Schlüsselbein wiedererkennen. Ich habe meine gekaufte verstellbare Schneiderpuppe und die selbstgemachte nebeneinander gestellt und sehr viele kleine und große Unterschiede beobachtet. Ich verstehe nun, warum die Kleider nach fertigen Schnittmustern so schlecht an mir im Hals- und Schulterbereich passen.
DIY Schneiderpuppe

Ich konnte auch ziemlich viele Asymmetrien beobachten, die leider durch meinen Körper und nicht durch irgendeinen Herstellungsfehler der Puppe kommen. Als ich neben der Puppe stand, habe ich mir sagen lassen, dass meine linke Schulter wirklich höher als die rechte ist. Die Asymmetrie im Hüftbereich kam aber teilweise durch die Ungenauigkeit beim Arbeiten. Ich habe oben geschrieben, dass die Formen an einer Stelle nicht aufeinander passten. Das ist genau die rechte Hüfte gewesen. Solche Sachen kann man nachträglich korrigieren, indem man z.B. eine Schicht Pappmaché auf die problematischen Stellen aufträgt. Mein Drapinglehrer hat mir aber empfohlen, zunächst so mit der Puppe zu arbeiten und an ihr ein Basicteil zu konstruieren.  Nach dem Anprobieren des Teils kann man  besser beurteilen, an welchen Stellen der Schaum ab- oder aufgetragen werden muss.

Die Befestigung des Standfußes verlief auch nicht problemlos. Die Stange, die wir in den Schaumkörper steckten, war etwas schief. Wir haben das anhand des Standfußes ausgeglichen, indem wir die innere Stange auch schief in den Fuß steckten. Jetzt steht die Puppe gerade :) Dieser Fehler war also nicht so schlimm, wie ich zunächst befürchtet habe.

Ich habe meiner Schneiderpuppe eine Verkleidung aus dünnem schwarzen Lycra genäht. Den habe ich ohne Schnittmuster einfach direkt an den Körper gesteckt und abgeschnitten. Das war ziemlich einfach und dauerte nicht lange.
DIY Schneiderpuppe

Die Markierungen sind optional und sind aus schmalem Ripsband angefertigt. Die helfen mir, das Draping zu erlernen. Wann ich dafür Zeit finde, weiß ich noch nicht :) Es gibt so viele spannende Themen.

Bewertung und Vergleich


DIY Schneiderpuppe
Zum Schluss möchte ich kurz meine selbstgemachte Schneiderpuppe mit der gekauften vergleichen. Die gekaufte hat ca. 120 Euro gekostet und ist ein ganz hochwertiges verstellbares Modell von Prym: Prymadonna Multi. Theoretisch kann man diesem Modell auch eine Hose anziehen, jedoch habe ich dieses Feature nie benutzt.
DIY Schneiderpuppe






Zum Vergleich habe ich mein Probekleid aus diesem Post, das ich aufwendig auf meine Figur angepasst habe, beiden Büsten angezogen. Der größte Unterschied ist, wie erwartet, im Hals-Schulter-Armbereich. Die Umfänge konnte ich einstellen, jedoch unterscheiden sich Rückenlänge, Brusttiefe, Bauch-, und Poform. Wenn man Kleidung aus Jersey macht, dann verzeiht das Material schon einiges. Ein Etuikleid wie in diesem Post würde ich an der gekauften Puppe nicht nur nicht erstellen können, sondern auch nicht präsentieren können, da es im Schulterbereich so schlecht sitzt.
DIY Schneiderpuppe

Dieses Projekt ist ein ganz besonderes gewesen. Ich habe das Gefühl, dass es mich in meinem Hobby auf ein anderes Level gebracht hat. Es ergibt sich eine ganz neue Palette an Möglichkeiten… Was ich damit tue, und wie sich die Schneiderpuppe im Nähalltag macht, werden wir sehen. Ich freue mich riesig, sie endlich zu haben, und verabschiede mich heute mit dem Versprechen, sie in den zukünftigen Beiträgen noch ein paar Mal zu zeigen :)
DIY Schneiderpuppe

Ich möchte mich bei allen, die bis hierhin gelesen haben, und auch bei den Mitgliedern der Facebook Nähcommunity für euer Interesse bedanken. Mit so viel Resonanz habe ich gar nicht gerechnet. Es freut mich, dass es Leute gibt, die so etwas lesen und mich nicht sofort in eine psychiatrische Klinik einweisen.
DIY Schneiderpuppe


Montag, 18. September 2017

Schneiderbüste selber machen: erster Versuch

Schneiderbüste nach Maß

Früher oder später kommt man als Hobbyschneider am Thema Schneiderpuppe nicht vorbei. Auf dem Markt gibt es eine ganze Palette Puppen in allen möglichen Größen und Qualitäten. Es gibt sogar etwas teurere verstellbare Varianten und die, die man in Hosen kleiden kann.

Motivation


Seit ein Paar Jahren bin ich eine stolze Besitzerin einer verstellbaren Schneiderpuppe vom Prym mit Hosenfunktion (Prymadonna Multi). Doch benutzt habe ich sie kaum und seit meinem Umzug vor einem Jahr steht sie bei mir im Keller. Warum es so ist, erkläre ich gleich.

Wofür kann eine Schneiderpuppe gut sein?
  • um die genähten Kleider zu zeigen, z.B. auf dem Blog
  • um Schnittanpassungen zu machen
  • um Schnitte zu konstruieren, z.B. durch Draping
Meine gekaufte verstellbare Puppe hat von diesen drei Funktionen nur die erste erfüllt, und auch diese nur zu einem bestimmten Grad.

Seitdem ich mich mit Schnittmusterkonstruktion beschäftige, verstehe ich besser, dass wir alle sehr verschieden gebaut sind. Die Unterschiede liegen nicht nur in Konfektionsgröße und Umfängen, sondern in allen möglichen so genannten 3D-Maßen, wie z.B. Schulterneigung, Brusthöhe, Rückenlänge, Rückenbreite usw. Im Post über mein selbst konstruiertes Etuikleid habe ich die Geschichte des Entstehens eines körperengen Schnittes erzählt. Ich habe auch erwähnt, dass ich dafür 30 Maße nehmen lassen musste und 3 Probekleider konstruierte.

Die gekauften Puppen, auch wenn sie verstellbar sind, können einfach nicht die dreidimensionale Form jedes Körpers nachbilden. So war es mit meiner Puppe auch. Die Schnitte aus nichtdehnbaren Materialien haben der Puppe immer besser als mir gepasst, obwohl ich sie auf meine Oberkörperlänge und Umfänge konfiguriert habe. Die Schultern waren oft das Problem, aber auch viele andere Merkmale wie z.B. mein Hohlkreuz. So habe ich die Puppe eine Weile dafür verwendet, meine Kleider aus Jersey auf Facebook zu zeigen, bis sie im Keller landete und seitdem vermisse ich sie nicht.

Methoden


Schon seit ein paar Jahren sehe ich überall im Internet Anleitungen zum Selbermachen einer Schneiderpuppe, die der eigenen Figur zu 100% entspricht. Natürlich ist die Idee, einen Zwilling von sich zu haben, sehr interessant. Allein aus dem Grund, dass die Schnittanpassungen, insbesondere im Rückenbereich, deutlich einfacher werden.

Nach meiner Beobachtung der Szene der selbstgemachten Schneiderpuppen kann ich sie in folgende zwei Gruppen Unterteilen:
  • Körperabformung mit Gips und danach Ausgießen mit einer Gussmasse
  • Körperabformung mit Gewebeband und Ausstopfen mittels Füllmaterial, z.B. Füllwatte
Neulich habe ich mir einen Videokurs auf Russisch gekauft. Ich muss erwähnen, dass ich das meiste meiner Nähkenntnisse über solche Videokurse bezogen habe. Ich wollte etwas Neues lernen und so bin ich über einen Moulage-Kurs eines russischen Schneiders im Internet gestolpert. Moulage, oder auch Draping oder Modellieren genannt, ist eine Technik zur Entwicklung von Kleidungsmodellen. Der Schnitt wird nicht durch Maßnehmen und Konstruieren auf dem Rechner/Papier entwickelt, sondern der Stoff wird direkt an dem Modell (Schneiderbüste) gesteckt. Immer wieder sieht man diese Technik in den Videos bekannter Modehäuser. Die Methode ist auch schon ein paar Jahrhunderte alt :).

Die Schwierigkeit von so einer Methode ist natürlich das Mannequin. Irgendwo muss man ja stecken und an sich selbst geht das ziemlich schwer. Man kann an einer gekauften Puppe stecken, die Schnitte werden aber nicht genau und in meinem Fall z.B. an den Stellen um die Schultern nicht passen. So wird im Kurs empfohlen eine eigene Schneiderbüste zu bauen, basierend auf der Gipsmethode.

Nachdem ich das Video zur Gipsmethode anschaute, habe ich verstanden, dass sie sehr zeitaufwändig und auch teuer (Gießmaterial) ist. Ich habe noch nie sowas gemacht. Deswegen habe ich mich für die leichtere Methode mit Gewebeband entschieden. Mal für den Anfang. Außerdem gibt es im Internet viele Anleitungen dafür.

Mein Versuch


Eine der Anleitungen findet man hier, deswegen erspare ich mir hier die Beschreibung des Entstehungsprozesses. Ich habe 2 Rollen à 50 Meter Gewebeband fast komplett aufgebraucht. Das Wickeln und Kleben hat ca. 1 Stunde gedauert. Wir haben 2 Schichten gemacht. Hier sind die Bilder von der 1. und 2. Schicht. Ich fand die weiße Farbe schöner, deswegen wollte ich sie oben haben.
Schneiderbüste nach Maß

Nach dem Kleben wurde die Hülle am Rücken geschnitten, ausgezogen und dann wieder zusammengeklebt. Die Arm- und Halslöcher haben wir vor dem Ausstopfen zugeklebt. Als Füllung habe ich Kissenfüllung von 2 großen (50cm x 50cm) und 4 kleinen (35cm x 35cm) Kissen vom Möbeldiskounter genommen. Nachdem die Puppe schon in Form gebracht wurde, ist meinem lieben Helfer aufgefallen, dass die Puppe im Bauch etwas dicker als ich ist. Das Messen des Taillenumfangs hat das bestätigt: 4 cm Unterschied. Aus Angst, mir die Luft “zuzudrehen” wurden die Bänder im Brust/Bauchbereich nicht so straff geklebt. Wie mir gesagt wurde, war die Puppe eine leicht schwangere Version von mir.

Zum Glück lässt sich so eine Klebebandschicht leicht korrigieren. Die Puppe muss einfach am Bauch operiert werden. Man kann zum Beispiel 4 senkrechte Einschnitte im Bauchbereich machen und die Teile im Taillenbereich jeweils 1 cm übereinander legen. So wird die Taille dünner. Diese Anpassungen habe ich allerdings nicht gemacht. Eines Tages ist meine Schneiderpuppe explodiert. Um die Fältchen rauszubekommen, habe ich sie anscheinend zu fest befüllt. Das macht eigentlich nicht viel Arbeit und ich könnte sie einfach wieder zusammenkleben. Ich entschied aber, keine weitere Zeit in sie zu investieren und sie nicht mehr zu verwenden, weil sie meine Erwartungen sowieso nicht ganz erfüllt hat.
Schneiderbüste nach Maß

Fazit


Meine selbsterstellte Puppe hat schon einen Riesenvorteil gegenüber der gekauften: ich kann sie für Schnittanproben und Anpassungen verwenden. Sie entspricht der Form meines Körpers und auch grob den Maßen. Ich bezweifle aber, dass ich die Puppe für Moulage (Draping) verwenden kann. Im Brustbereich ist sie doch eine viel zu grobe Approximation von mir, was präzises Modellieren wahrscheinlich nicht zulässt. Deswegen steht im Titel dieses Posts "Erster Versuch". Wenn ich wirklich einen Zwillingkörper von meinem haben will, komme ich an der Bildhauerei mit Gips nicht vorbei. Um ehrlich zu sein, haben wir damit schon angefangen. Mein treuer Helfer, der auch mein Maßnehmer, Abstecker, Bandkleber und Fotograf ist, hilft mir diesmal auch. Alleine ist so etwas einfach nicht machbar. 

Das Erlernen der Moulage wird aber kein schneller Prozess und momentan kann ich gar nicht sagen, ob es meins ist :) Die Schneiderpuppe, wenn sie uns gut gelingt, wird aber für viele andere Zwecke einsetzbar sein. Ich bin schon sehr gespannt und freue mich enorm auf das Ergebnis. Also, die Fortsetzung folgt...

Habt ihr Erfahrung oder nützliche Links zum Thema selbstgemachte Schneiderpuppe oder Moulage? Ich freue mich über eure Gedanken in den Kommentaren.

Donnerstag, 31. August 2017

Ein Retrokleid mit Schleife


Als ich die Augustburda bekam, habe ich mich in den Coverschnitt sofort verliebt. Das herbstliche Flavour von der gesamten Kollektion und dieses Kleides hat mich begeistert und deshalb, wie so oft, wollte ich dieses Modell dann auch so schnell wie möglich haben.

Den passenden Stoff für so ein Kleid zu finden ist nicht einfach. Da ich kein Polyester wollte, blieb mir nicht viel Auswahl: ein Viskosekrepp sollte es sein. In den Geschäften, in denen die Stoffinhalte nicht auf die Stoffrollen geschrieben sind, hatte ich keine Chance. Wie unterscheidet man zwischen Polyester- und Viskosekrepp, ohne einer Brennprobe? Bei einem Baumwollstoff kann ich das noch relativ gut nach Gefühl abschätzen, aber bei Viskosekrepp…

Zu meinem Glück hat Alfatex immer einen kleinen Vorrat an “Designerstoffen aus der Konfektion”. Und mein Glück, dass ich ein Alfatex in der Nähe habe. Dazu gab es noch eine Rabattaktion, so dass ich mir ein paar Viskosekreppstücke zu einem ziemlich niedrigen Preis sichern konnte. Ich bin kein Mensch für eine Schnäppchenjagd, dieses Mal hat es sich aber so ergeben.

Der angegebene Stoffverbrauch ist 2,5 Meter, ziemlich viel für ein Kleid. Der Verbrauch ist durch die relativ große Länge der Schleifen, die im schrägen Fadenlauf zugeschnitten werden, bedingt. Dazu kommen die ganzen Kräuselungen, lange Ärmel, Manschetten usw. Ich habe insgesamt ca. 2,3 Meter Stoff gebraucht.

Im Zuschnitt ist so ein Viskosekreppstoff sehr schwierig. Der Print ist streifenartig. Als ich den Stoff auf dem Tisch liegen hatte, haben die Musterstreifen Wellen gebildet. Es hat sehr viel Mühe bereitet, sie zueinander parallel zu kriegen. Und auch die doppelte Stofflage hat sich als nicht empfehlenswert herausgestellt. Die untere Lage hat sich unerwünscht verhalten, so dass man dann das zugeschnittene Teil nicht mehr verwenden konnte. Zum Glück ist es mir an einem kleinen Teil, der Blende, passiert, und der Stoff hat für einen neuen Versuch gereicht. Wie ihr vielleicht sehen könnt, habe ich das Muster mal wieder nicht angepasst. Ich war mit den Wellen so beschäftigt, dass ich ganz vergaß, die “Streifen” vorne und hinten aneinander anzupassen. Das fällt aber meiner Meinung nach nur auf den zweiten Blick auf :) Irgendwann werde ich schon aus meinen Fehlern gelernt haben und achte dann intuitiv aufs Muster.

Nachdem alles zugeschnitten wurde, ging das Nähen ziemlich leicht. Der Schnitt ist locker, weswegen ich ihn gar nicht angepasst habe. Ich habe auch diesmal aufs Futter verzichtet, damit ich die Leichtigkeit, die so ein Schnitt hat, nicht wegnehme. Stattdessen trage ich ein leichtes Unterkleid und es scheint nichts durch. Ich habe mir auch ein kleines Stück Seide gesichert, um ein richtig edles Unterteil für solche Kleider zu nähen. Seide fühlt sich am Körper besonders gut an.

Der Schnitt ist nicht sehr gewöhnlich, die Kräuselärmel mit Manschetten und Knöpfen verarbeite ich nicht jeden Tag. Was ich aber an dem Schnitt interessant finde, ist die Reißverschlusslösung. Der Reißverschluss ist seitlich eingearbeitet und geht nicht bis nach oben zur Achsel sondern endet an der Taille. Die obere seitliche Naht ist aber nicht zu, denn sonst könnte man das Kleid gar nicht anziehen, sondern hat einen Verschluss mit drei eingenähten Druckknöpfen. Nach der kurzen Überlegung habe ich verstanden, dass der Reißverschluss, der bis nach oben gehen würde, die seitliche Naht an so einem feinen Stoff versteift. Deswegen hat das Kleid oben einen Druckknopfverschluss, den ich auch besonders retro finde :)

Die Meinungen zu diesem Kleid gehen in meiner Bekanntschaft auseinander. Manche finden es toll, andere “altbacken”. Auch ich bin mir nicht ganz sicher, was ich von diesem Kleid halten soll. Beim Tragen fühlt es sich sehr leicht und angenehm an. Der Stoff knittert sehr, was von Viskose zu erwarten ist, doch durch das Muster wird das kaschiert. Ich finde die Schleife und die Raffungen sehr feminin und fühle mich schon ein bisschen in die Vergangenheit zurückgeworfen. Ich glaube, dass ich das Kleid im frühen Herbst noch öfter tragen werde. Vielleicht wird es sich gut mit meinem geplanten und noch nicht genähten Trenchcoat kombinieren lassen.

 Stoff: Viskosekrepp vom Alfatex Weiterstadt
Schnitt: Modell 115A aus Burda Style 08/2017, hier als Downloadschnitt
Fotos: meine

Es wird mich freuen, wenn ihr mir eure Meinungen zu diesem Schnitt und meiner Interpretation schreibt. Seit kurzem habe ich auch eine Facebook- und Instagrampräsenz. Die Links findet ihr auf der rechten Sidebar.

Heute ist Donnerstag und ich bin bei RUMS zum ersten Mal dabei :)

Montag, 21. August 2017

Mein Outfit für eine festliche Angelegenheit


Schon vor einigen Monaten wurden wir zu einer Hochzeit eingeladen, und nicht nur zu irgendeiner, sondern einer aus dem engen Familienkreis. Dass ich mein Gastkleid selber machen werde, war von Anfang an klar. Die Gelegenheit, etwas schick aussehendes zu nähen, konnte ich mir nicht entgehen lassen. Allein die Auswahl des Modells hat viel Freude bereitet. In Betracht kamen Kleiderschnitte, die ich immer wieder bei Burda bewunderte, doch als “nicht alltagstauglich” aus meiner TODO-Liste ausgeschlossen habe.

Das Modell 122 aus Burda Style 4/2016 fiel mir sofort auf, nachdem ich das Heft aus meinem Briefkasten zog und kurz durchblätterte. Diese Ausgabe finde ich besonders gelungen, mein Jumpsuit in dunkelrot stammt auch daraus. Und auch hier habe ich das Modell in der Farbe schön gefunden, die auch im Heft präsentiert ist. Ein kühler puderrosa Farbton kombiniert sich wunderbar mit weichen Drapierungen am Kleid und verleiht dem eleganten Kleid eine gewisse Leichtigkeit. Ich habe sogar den Stoff sofort gekauft. Nur musste der Stoff ein Jahr lang warten, weil ich keine Gelegenheit sah, so ein Kleid anzuziehen.

Der Oberstoff ist eine Art Krepp, vermutlich Polyester. Als Futter habe ich mich für einen farblich passenden Satin mit Seidentouch künstlichen Ursprungs entschieden. Pure Chemie, für mich ganz untypisch, aber in diesem Fall war sie notwendig, weil ich mich damals noch nicht an Seide rantraute.

Das Kleid ist wirklich nicht schwer zu nähen. Der Stoff verzeiht sehr viel, ist leicht elastisch und fällt schön, so dass kleine Passformungenauigkeiten gar nicht auffallen. Trotzdem habe ich am Anfang die übliche Schnittanpassung gemacht. Nachdem ich mir überall im Internet Kleider anschaute, die nach diesem Schnittmuster genäht wurden, habe ich entschieden, dass der Halsausschnitt - meine übliche Gefahrenstelle - wahrscheinlich angepasst werden muss. So habe ich beim Ausschneiden des Futters die Nahtzugaben im Bereich des Ausschnitts etwas größer gelassen. Ich habe das Futter geheftet und nötige Anpassungen gemacht, die ich danach auf den Schnitt des Oberkleides übertragen habe. Das restliche Zusammennähen ging einfach. Mittlerweile habe ich genug Erfahrung mit ärmellosen gefütterten Kleidern, bei denen das Versäubern der Hals- und Armausschnitte wahrscheinlich das Schwierigste ist. Der Knoten hat sich gut nach der Anleitung nähen lassen.

Die letzten zwei Jahre war es im August unerträglich heiß. Die Stoffe, die ich verwendet habe, waren synthetisch, deswegen habe ich mir Sorgen gemacht, dass ich bei der Sommerhitze in diesem Kleid wie in einer Plastiktüte schwitzen werde. Das Wetter wechselte aber kurz vor dem Hochzeitstermin von heiß auf kühl. Ich brauchte dringend etwas zum Drüberziehen. In meinem Schrank fand ich mehrere Jacken, doch waren sie alle entweder farblich oder vom Stil her nicht so passend. So ist die Entscheidung gefallen, ein paar Tage vor dem Termin ein einfaches Bolerojäckchen dazu zu machen. Ich habe mich für das Modell #6645 aus der Burda Style Frühjahr/Sommer Kollektion 2016 entschieden.
Der Oberstoff meines Kleides war im Geschäft, in dem ich ihn ursprünglich gekauft habe, noch vorhanden. Mein Glück, dass solche Abendkleidstoffe nicht so schnell ausverkauft werden. Das Futter habe ich nach dem Durchsuchen des Lagers zusammen mit der Verkäuferin leider nicht mehr gefunden. So bin ich auf meine erste Erfahrung mit Seide gekommen: der Seidensatin, der im Stofflager in mehreren Farben für 18 Euro pro Meter vorhanden war, hat als Futter für mein Jäckchen am Besten gepasst. Ich habe 90 cm davon genommen, es hat locker gereicht.

Wenn ich den Bolero komplett aus dem Oberstoff des Kleides gemacht hätte, hätte ich wahrscheinlich wie eine rosafarbene Wolke ausgesehen. Der Stoff ist so matt, dass er ohne Drapierungen oder Verzierungen sehr langweilig aussieht. So bin ich auf die Idee gekommen, ihn mit einer farblich passenden Spitze zu schmücken. Die Spitze habe ich mit dem Oberstoff wie eine Stofflage verarbeitet.

Für die Schnittanpassung der Jacke hat die Zeit nicht mehr gereicht und ich habe sie auf einen Schuss fast ohne Anprobe genäht. Gepasst hat sie sehr gut, wobei ich sagen muss, dass man bei so einem Modell nicht viel verkehrt machen kann. Das Seidenfutter zu nähen war ein bisschen knifflig, aber nach der Kurzausbildung im Internet war ich theoretisch bestens vorbereitet. Die Seide fühlt sich sehr angenehm an. Ich glaube, dass dieses Jäckchen nicht das letzte Kleidungsstück gewesen sein wird, dass ich mit Seide gefüttert habe. Mal schauen, wie die Jacke das Waschen in der Maschine übersteht.

Auf den letzten Drücker habe ich mir noch eine passende Clutch nach der Anleitung von Pattydoo genäht. Das schien mir einfacher als nach einer passenden Farbe zu suchen und extra eine zu kaufen. Obwohl so eine Clutch nicht schwer zu nähen ist, habe ich in der Eile viele kleine Fehler gemacht, so dass die Tasche wirklich selbstgenäht aussieht. Trotzdem habe ich dafür viele Komplimente erhalten und zum Glück wollte keiner die Tasche aus der Nähe sehen. Vom Stoff her ist das keine große Investition gewesen. Deswegen werde ich nicht traurig sein, falls diese Tasche so ein Einwegartikel war und ich mir nächstes Mal, wenn ich das Outfit trage, etwas anderes überlege.

Mein Outfit ist auf der Hochzeit sehr gut angekommen. Nur wenige Leute wussten, dass es selbstgemacht ist, trotzdem habe ich viele Komplimente fürs Gesamtoutfit erhalten. Mit so einer Farbe besteht immer die Gefahr, vom Aussehen her “zu nah” an die Braut zu kommen. Da unsere Braut ein richtiges weißes Brautkleid mit Schleier, Schleppe und allem, was dazu gehört, getragen hat, habe ich mir erlaubt, diese hellrosa Farbe anzuziehen. Meiner Meinung nach würde dieses Outfit auch gut als Brautoutfit für die standesamtliche Trauung durchgehen. Unkompliziert zu nähen und bequem zu tragen, ist es absolut weiter zu empfehlen. 

Schnitt Kleid: Burda style 4/2016 Mod. 122, hier als Downloadschnitt
Schnitt Jacke: Burda Style Frühjahr/Sommer Kollektion 2016, Schnitt #6645
Schnitt Tasche: Bowie in XXL von Pattydoo

Stoffe Kleid:
Oberstoff: Polyesterkrepp in Puderrosa
Futterstoff: Polyestersatin mit Seidentouch in Puderrosa

Stoffe Jacke:
Oberstoff: Polyesterkrepp in Puderrosa mit Spitze obendrauf
Futterstoff: Reinseidensatin in Puderrosa
Stoffe Tasche: Reste von der Jacke, verstärkt mit Decovil Light und Vlieseline G 630

Alle Stoffe bis auf die Spitze gekauft bei Das Stofflager in Griesheim (link)
Spitze von Alfatex

Fotos: meine
Schuhe: Tamaris

Montag, 31. Juli 2017

Ein Jumpsuit aus leichtem Viskosestoff


Mit unserer Urlaubsplanung waren wir dieses Jahr etwas spontan. Keine Woche im Voraus wusste ich, dass wir an die französische Riviera fahren. Das war mein erstes Mal dort und ich fand es wunderschön.

Im letzten Post habe ich euch schon ein Jumpsuit gezeigt. Ich habe ihn auch in der Burda-Community gepostet. Beim Stöbern über die anderen Communitykreationen bin ich über diese gestolpert. Noch ein Jumpsuit :) Im Heft ist er in Unifarbe verarbeitet, mir gefiel aber die gemusterte Version sehr gut. Und irgendwie kreiste bei mir der Gedanke im Kopf, dass dieses Modell für einen Tagesausflug in Frankreich gut passen würde. Später habe ich noch diese und diese Variante aus Viskosejersey gesehen. Ich wollte dieses Mal aber ein sehr leichtes Material verarbeiten und habe dafür einen Viskosemusselin mit Palmenblätterprint von Dawanda* genommen.

Für meine Verhältnisse war dieses Projekt relativ schnell umgesetzt. An Arbeitstagen kann ich höchstens eine Stunde abends ins Nähen investieren. So habe ich am Dienstag den Stoff gekauft und das Schnittmuster abgepaust, am Mittwoch zugeschnitten, am Donnerstag geheftet und anprobiert, um die notwendigen Korrekturen durchzuführen. Am Freitagabend und am Samstag habe ich dann den Anzug fertiggenäht. Am Sonntag ging es los nach Frankreich :)

Die Posts von Nokiko und Claudi292 haben mich verunsichert, was die Passform angeht. Die Dame mit einer Körpergröße von 160 cm fand das Modell zu kurz... Da ich 8 cm größer bin, wusste ich, dass auch ich mit hoher Wahrscheinlichkeit verlängern muss. So habe ich an beiden Teilen des Oberteils und oben am Hosenbund eine größere Nahtzugabe hinzugefügt, jeweils 2,5 cm. Nach der Anprobe entschied ich, jeweils 1 cm aus der Nahtzugabe des Oberteils und Passe rauszulassen. Das entspricht insgesamt 2 cm Verlängerung. Dazu habe ich die hintere Hosenmittelnaht um 1 cm verlängert. "Schrittfreiheit" nennt man das, falls ich mich nicht irre, sehr wichtig bei nicht dehnbaren Stoffen. Die Hose war wie immer zu lang. Ich habe sie um 7 cm gekürzt. Und das war's, in der Breite hat der Overall sehr gut gepasst.




In der russischen Burda-Community haben die Leute das Modell nicht so schön gefunden. Es gab mehrere Kommentare, dass die Raffung auf der Brust und die horizontale Teilung sehr auftragen. Ich kann diese Meinung gar nicht teilen. Ich finde, dass ich in dem Overall kein bisschen dicker aussehe, maximal so, wie ich bin :)

Den Jumpsuit habe ich im Urlaub sehr gerne getragen. So gerne, dass ich ihn noch per Hand gewaschen und an der Sonne getrocknet habe. Obwohl ich genug andere Kleider dabei hatte, habe ich den Anzug mehrmals anziehen wollen.

Die leichte "kalte" Viskose hat sich bei +35 Grad sehr angenehm angefühlt. Die Hosenbeine sind breit genug, um genug Durchluftung unter der Meeresbrise zu bieten. Auf den Fotos sieht man teilweise, dass es in der Nähe vom Meer relativ windig war.

Bei unserem Tagesausflug nach Monaco habe ich mich auch neben dem dortigen Publikum gut angezogen gefühlt. Ich stand vor den Designergeschäften und habe die Frauen beobachtet, die mit vollen Einkaufstaschen rausgingen. Die passenden Männer warteten draußen. Ich habe die Kleidermodelle durch die Glasfenster beobachtet. Ihre Preise habe ich nicht gesehen, doch mir vorstellen können, dass es keine 50-Euro-Teile waren. Ich fand mein Outfit an dem Tag keinesfalls schlechter oder "billiger". Ich war froh, zu erkennen, dass ich mittlerweile ziemlich jedes Kleidermodell nachnähen kann.

Das Post wollte ich im Urlaub verfassen, doch dafür fehlten mir die Zeit und Ruhe. Inzwischen bin ich froh, wieder in gewohnten Umgebung in Deutschland zu sein und mich meinem Lieblingshobby weiter widmen zu können. Das Wetter ist auch hier sehr angenehm geworden.

Schnitt: Modell 111 aus Burdastyle 6/2017, auch als Downloadschnitt verfügbar
Stoff: Viskosemusselin von Dawanda*
Fotos: meine

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