Mittwoch, 12. Juli 2017

Modernes Retro: ein Jumpsuit


Als ich vor ein paar Jahren den Jumpsuit in den Schnittmustermagazinen sah, war meine Reaktion “Oh neee, sowas werde ich nie tragen”. Obwohl ein Jumpsuit zur Mode der 70er gehört, standen die Bilder aus den 80ern-90ern vor meinen Augen: Frauen in neonfarbigen Overalls, Dauerwelle, die mit Haarlack fixiert ist, und natürlich hellblauen Lidschatten. “Neee, das ist das krasse Gegenteil von dem, wie ich aussehen will”, dachte ich.

Aber die Magazine waren sehr penetrant: fast jeden Monat tauchte in dem einen oder anderen Heft eine neue Variation des Jumpsuits auf. Eines Tages in 2016, als ich die Aprilausgabe des Burda-Magazins meinem Postfach entnahm, habe ich ihn gesehen: den Einteiler aus einem weichen Viskosejersey, mit breitem Bein und offenen Rücken. Der Anzug in der weinroten Farbe sah unglaublich elegant aus. Ich musste ihn unbedingt haben :)
Vom Schnittabpausen bis zum Fertignähen ist mehr als ein Jahr vergangen. Teilweise lag es daran, dass so ein Jumpsuit nicht zu den Alltagskleidungsstücken zählt, man “braucht” sowas nicht. Der Nähprozess selbst hat bei mir auch etwas gedauert. Nach dem Zuschneiden und Probeheften lag das Teil monatelang als UFO (Unfinished Object) im Schrank. Die vielen Anpassungen, die ich machen musste, haben meiner Motivation Grenzen gesetzt. Da ich den Suit unbedingt hier in meinem neuen Blog zeigen wollte, habe ich entschieden, ihn fertig zu machen, und bereue diese Entscheidung auf keinen Fall.


Meist bin ich mit meiner Körpergröße von 168 cm bei Burda und den anderen gut aufgehoben. Die Schnitte in Normalgrößen sind genau für diese Größe entwickelt. Leider gab es den von mir gewählten Overall nur in Kurzgrößen: 18 bis 21 für Frauen, die 160 cm groß sind. Das hieß, dass ich den Schnitt in der Länge anpassen musste. Da das meine erste Erfahrung mit Kurzgrößen war, wollte ich auf Nummer sicher gehen, und habe dem Oberteil und der Hose im Hüftbereich jeweils 4 cm dazugegeben. Das hat die 8 cm Größenunterschied zwischen “normal” und “kurz” kompensiert.

Bei der ersten Anprobe hing der Schritt ziemlich tief. So eine Art Haremshose :) Ich konnte die zusätzlichen Zentimeter von der oberen Hosenkante sofort abschneiden.

Obwohl das Oberteil locker über dem Bund hängen sollte, war es nach meiner Verlängerung auch viel zu lang. Von mir wurde es nur unten verlängert. Der Halsausschnitt und die Armlöcher des Originalschnitts waren für mein Geschmack viel zu tief. Deswegen habe ich das Oberteil oben an den Schultern wieder um 4 cm gekürzt.

Ich habe mich nach der Maßtabelle für die Größe 21 entschieden und musste unten an den Seiten doch ziemlich viel wegnehmen. Insgesamt habe ich im Taillenbereich 10 cm weggenommen, sonst hätte der Jumpsuit gar nicht gehalten. Die Hosenbeine sind sehr breit, ich habe sie jeweils um 2 cm verschmälert. 

Insgesamt habe ich das Nähen dieses Modells nicht als leicht empfunden. Schon beim Zuschneiden hatte ich meine Probleme, weil ich viel zu wenig Stoff hatte. Das ist natürlich meine eigene Schuld. Ich hatte nur ein 180 cm langes Stück zuhause und musste tricksen, um alle Schnittteile draufpacken zu können. Auf die Taschen habe ich dann verzichtet :) 

Die viele Schnittanpassungen und Anproben haben den Nähprozess in die Länge gezogen. Am Anfang sah der Overall gar nicht gut aus, und ich habe gezweifelt, ob so ein Einteiler überhaupt etwas für mich sein kann. Viskosejersey ist auch nicht so leicht zu nähen, insbesondere wenn man einen Reisverschluss einarbeiten muss. Weil eine so breite Hose aus einem so schweren Material doch einiges am Gewicht hat, muss der Bund sehr stabil sein. Viskosejersey ist aber alles andere als stabil, deswegen wird im Magazin auch empfohlen, ein Gummi auf die Bundnaht anzunähen. Statt eines einfachen Gummis habe ich Framilastik (link) in der 6-mm-Breite genommen und finde diese Lösung richtig schön. Die Stabilität hat sich deutlich gebessert und die Naht ist nicht dicker geworden.

Ich muss sagen, dass ich von dem Ergebnis jetzt richtig begeistert bin. Vielleicht ist es die Farbe? Den dunkelroten Ton mag ich auch sonst sehr gerne.

Das Modell ist dafür gedacht, es ohne BH zu tragen. Zu den 70ern würde es richtig gut passen. Ich habe neulich ein interessantes Interview mit einem sowjetischen Model, Ewgenija Kurakina, gelesen, in dem sie sagt: “[...] Und in den siebziger Jahren haben wir derart kurze Röcke und derart hohe Plateauschuhe getragen, so hoch, dass es uns heute nichts mehr als gewagt erscheint. In Moskau wurde ich einmal von einem Milizionär angehalten, weil ich in ein rotes transparentes Batisthemd gehüllt war und keinen BH trug.” (Quelle)

Es ist 2017 und ich bin auch leider nicht mehr 16. Deswegen traue ich mir nicht zu, irgendwo mit offenem Rücken und ohne BH aufzutauchen. Als Lösung habe ich ein BH mit Frontverschluss und Rückenverzierung genommen. Einfach, weil ich mich so sicherer fühle. Ich finde, das lässt sich so tragen, oder?

Wie ich oben schon geschrieben habe, ist so ein Overall kein Alltagsteil. Für mich ist er definitiv nichts für die Arbeit. Aber vielleicht für eine Sommercocktailparty? Schade, dass ich so selten auf so eine Party eingeladen bin… 

Trotz allen Schwierigkeiten mit diesem Overall, habe ich schon ein anderes Modell ins Auge gefasst und suche brennend nach dem passenden Stoff. Das Modell 121 aus Burda 4/2017 aus Rippenjersey ist, meiner Meinung nach, auch ein absoluter Hingucker.

Was denkt ihr von Overalls generell? Habt ihr welche im Schrank? Wann werden sie bei euch ausgeführt?

Stoff: Viskosejersey in Bordeaux von AfS (Partnerlink)
SM: Modell 112A aus Burda 04/2016 oder als Downloadschnitt.
Fotos: meine

Verlinkt bei AfterWorkSewing.

Kommentare:

  1. Hallo liebe Natallia,
    Dein Overall ist klasse. Die Farbe steht Dir super, und ich musste grinsen, als ich las: Wir haben 2017 und ich bin keine 16 mehr :))))
    Super geschrieben und der BH darunter passt perfekt.
    Ich glaube, ich lese jetzt erstmal alle Deine Posts :)
    LG, Sandra

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Sandra, vielen Dank für dein Kompliment. Es freut mich, dich auf meinem neuen Blog willkommen zu heißen. Es ist noch nicht viel da, wird sich aber im Laufe der Zeit füllen :)

      Löschen
  2. Gerade wenn ich so tolle Teile (wie deinen Overall) sehe, finde ich es sehr, sehr schade, dass die Mode immer legerer geworden ist. Mittlerweile ist ja die Jogginghose im Alltag angekommen (wie auch immer man dazu stehen mag). Ist man hingegen "overdressed", gucken sich alle nach einem um oder fragen, was man denn noch so vorhat (das mache ich übrigens auch).
    Genäht hab ich einen Overall ehrlich gesagt noch nicht. Viel zu viele Teile die perfekt inneinander greifen müssen ... Toll ist er aber auf jeden Fall geworden! Ich hoffe du findest bald eine Gelegenheit ihn wieder auszuführen.
    Viele Grüße,
    AnnaF.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Zum Fotosmachen waren wir in Frankfurt und ich habe bemerkt, dass so eine Großstadt viel lockerer ist, was Mode angeht. Niemand hat komisch geschaut, ich habe mich wohl gefühlt. Und bei 30 Grad war der luftiger Rücken schon vorteilhaft :)

      Löschen
  3. Genau diesen Overall habe ich mir letztes Jahr auch in schwarz mit weißem Bauchbündchen genäht. Allerdings habe ich noch nicht den Mut gefunden, ihn auf meinem Blog zu zeigen. Aber nachdem ich deinen Beitrag gesehen habe, muss das auf jeden Fall nachgeholt werden!
    Ich trage ihn manchmal, wenn ich abends mit Freunden auf einen Aperol Spritz gehe.

    AntwortenLöschen
  4. Einfach nur sehr stylisch. Die Farbe steht dir ausgezeichnet. Und der Schnitt ist auch schön, Jersey Jumpsuits haben leider schnell die Tendenz zu übergroßen Strampler.
    Warum sollte man nicht auch im Alltag gut gekleidet unterwegs sein. Und zum drunter anziehen gibt's mittlerweile sehr hübsche braletts aus Spitze.
    Und die Schuhe passen ja auch perfekt dazu.
    Irgendwie finde ich Jumpsuits ja lässig, wenn nur das halbnackt sein beim Besuch des WCs nicht wäre.
    Lg Sabine

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. So ein Jumpsuit ist auf jeden Fall gewöhnungsbedürftig, was WC betrifft. Das oben Aufmachen ist weniger das Problem als den ganzen flutschigen Viskosejersey am Platz zu halten. So ein breitgeschnittenes Modell fällt sofort runter, was man in öffentlichen WCs eigentlich vermeiden möchte. Ich glaube, das lässt sich mit etwas Übung regeln :)

      Löschen
  5. Klasse !
    DA haben sich deine Mühen richtig gelohnt.
    Ein richtig edles Teil ist es.
    Lg Iris

    AntwortenLöschen
  6. Was für ein wunderbarer Jumpsuit! Elegant und sexy in einem - mega <3

    Liebe Grüße
    Nicole

    AntwortenLöschen
  7. Farbe und Schnitt sehen super an Dir aus! Den Rückenausschnitt zu benutzen um den BH in Szene zu setzen halte ich für einen genialen Schachzug. :)
    Liebe Grüße

    AntwortenLöschen